Klingelton-Boom Will doch nur spielen

Neben diesen coolen Klingeltönen, sind es vor allem die Trash-Töne von Sweety, dem tanzenden Küken, und Schnappi, dem singenden Krokodil, die die Downloadszene prägen. Diese Nervenstrapazierer sind momentan allgegenwärtig und oft so penetrant, dass sich im Internet Widerstandsgruppen bilden, die Sweety in detaillierten Simulationen von seinen Leiden erlösen.

Aber Sweetys Fans lieben das Küken eben wegen seiner Penetranz. Es ist ein Spiel mit bewusster Regression, kollektive Koketterie mit dem schlechten Geschmack - ein gekaufter Witz für 4,99 Euro im Jamba-Spar-Abo. Das derart getunte Telefon klingelt nicht mehr für einen selbst, sondern will von anderen gehört werden.

Man kennt das Bild aus nächtlichen Bars, in denen ein junger Mensch sein Telefon in die Runde hält, nach dem Motto: "Hört mal alle her, was ich Lustiges herunter geladen habe!"

"Furz-Rap" zum Download

Der Humor dieser Töne macht das Handy vollends zu dem ironischen Gerät, das es im Grunde ist: Jeder ist überall erreichbar, und nicht einmal der Notarzt müsste es sein. Deshalb ist die Klingeltonszene von derber Ironie durchdrungen. In diesem Medium sind Dinge lustig, die sonst unzumutbar wären: Da gibt es zum Beispiel den "Furz-Rap" zum Download - Kulturpessimisten sollten lieber nicht weiter darüber nachdenken.

Mit der Wahl seines Klingeltones präsentiert sich der User als ästhetisch Handelnder und gibt einen Kommentar über sich selbst ab: Ein paar Sekunden Mini-Ruhm sind ihm sicher, wenn die Umstehenden schmunzeln, weil das Handy singt: "Mein Klingelton ist scheiße!"

Hier eröffnet sich die neuartige Chance, sich verbal bemerkbar zu machen, ohne den Mund zu öffnen; schlagfertig zu sein ohne Rhetorikkurs: Die Sehnsucht des Menschen nach Souveränität im Umgang mit der Welt wird stellvertretend von seinem Gadget erfüllt.

Nicht umsonst wirbt ein Download-Anbieter mit dem Spot von dem linkischen jungen Mann, dessen Mobiltelefon ihn für die Dauer des Klingelns in einen Womanizer verwandelt. Doch so individuell ausgestalten wie der Mensch selbst wird sich seine akustische Signatur nie, da sonst deren Wiedererkennbarkeit nicht gewährleistet wäre:

Wenn es bei dem hübschen Mädchen am Tresen mit Sweety klingelt, dann müssen wir das zu deuten wissen. Schließlich könnte es die zeitgenössische Variante des absichtlich fallen gelassenen Taschentuches sein.