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Klimawandel im Kino:Bäume sind eh die besseren Menschen

Zwei Jahre später entdeckte Werner Herzog, dass auch Maschinen wie Tiere aussehen, wenn man die Kamera lange genug draufhält. In "Wo die grünen Ameisen träumen" erzählt er vom fitzcarraldohaften Kampf indigener Einwohner der australischen Wüste gegen eine Bergbaugesellschaft, die mit Sprengungen auf ihrem heiligen Boden nach Uran suchen möchte. Man sieht die Folgen in der Landschaft: Hügel wie von Riesentermiten, die aber durch Bohrungen entstanden sind. Das Wrack eines Busses, leere Bierflaschen. So als sei die westliche Zivilisation, die hier den Fortschritt vollzieht, bereits untergegangen.

Derartige Eindrücke haben die Vorstellung von der Natur im Kino nachhaltig verändert. Dokumentarfilme erzählen von ihr heute meist als Spielball politischer und wirtschaftlicher Kräfte. Nur haben diese unbequemen Wahrheiten den Nachteil, sehr unbequem zu sein. Die rehäugige, "schützenswerte" Natur ist dagegen angenehm harmlos. Seit einigen Jahren hat sie wieder Konjunktur, in Filmen mit Titeln wie "Unsere Ozeane", "Unser Leben", "Unsere Wildnis" oder eben "Unsere Erde".

Das Thema Die Naturkatastrophe Mensch
SZ-Podcast "Das Thema"

Die Naturkatastrophe Mensch

Der Mensch hat so radikal in die Natur eingegriffen, dass wir inzwischen sogar von einem neuen Erdzeitalter sprechen müssten, dem Anthropozän. Wie gefährlich das ist, erklären Alex Rühle und Jörg Häntzschel.

Welche gedanklichen Operationen dabei am Werk sind, zeigt der Blick in ein Buch von 2015, das überraschend zum Bestseller avancierte, inzwischen auch in vielen Ländern. In "Das geheime Leben der Bäume" erzählt der studierte Forstwirtschaftler Peter Wohlleben von den ineinandergreifenden Bio-Mechanismen der Pflanzen, als sei der Wald eine utopische Sozialgemeinschaft, eine Großfamilie, in der sich auf mikrobiologischer Ebene alle lieb haben. Immer wieder hebt er die Grenze zwischen menschlicher Gemeinschaft und Wald sprachlich auf: "Jeder Baum ist also wertvoll für die Gemeinschaft und verdient es, so lange wie möglich erhalten zu werden. Daher unterstützt man sogar kranke Exemplare und versorgt sie mit Nährstoffen, bis es ihnen wieder besser geht."

Bäume, so scheint es, sind zurzeit die besseren Menschen. Was ja auch kein Kunststück ist. Je grimmiger der Naturfaktor Mensch spürbar wird, desto weniger wollen wir mit ihm zu tun haben. Stattdessen flüchten wir uns in die romantisch beseelte Natur, die immer menschlichere Züge annimmt, während wir weiter in sie vordringen. Dass der eben zitierte Satz von Wohlleben auf toten Baum gedruckt wurde - geschenkt.

Für die tollen Bilder schickt man Minikameras und Drohnen in die entlegensten Winkel

Am Anfang von "Unsere Erde 2" sehen wir die Erde aus dem Weltraum. Aber welcher Preis wurde dafür bezahlt? Die Aufnahme entstand, weil der Mensch Raketen bauen und damit nicht nur schöne Fotos schießen, sondern auch ganze Landstriche in Schutt und Asche legen kann. Zu "Serengeti darf nicht sterben"-Zeiten mussten die Filmemacher noch schweres Gerät in entlegene Teile der Welt schaffen und sich beim Versuch, ein paar Affen vor die Linse zu kriegen, vom Tiger fressen lassen. Heute rücken sie mit hochauflösenden, digitalen Minikameras und Drohnen an. Deshalb schafft es der BBC-Film, ganze Jahreszeiten in einem Kameraschwenk zusammenzufassen. Mühelos springt er vom Haar einer Raupe zurück auf die prallgrüne Regenwald-Totale. Dazu röhrt triumphal ein Orchester.

"Unsere Erde 2" endet, wie sonst, mit einem Sonnenuntergang. Wie man diese Szene ins Anthropozän übersetzt, hat letztes Jahr der Spielfilm "Downsizing" gezeigt, in einer Art versteckter Replik auf "Soylent Green". Es geht um eine fiktive Methode, mit der die Menschen sich auf Daumengröße schrumpfen lassen können und damit auch ihren ökologischen Fußabdruck. Doch es ist zu spät, das Klima kippt trotzdem. Eine Gruppe winziger Norweger entschließt sich also, eine neue, künstliche Heimat in einem Bergstollen zu beziehen, bis der Planet wieder bewohnbar ist. An dem Abend, bevor sie für unzählige Generationen unter Tag verschwinden, betrachten sie zum Abschied von der Erde den Sonnenuntergang.

Der rote Feuerball versinkt hinter den Berggipfeln, ergreifend schön und wohl das letzte Mal. Um so viel Klima-Pathos irgendwie abzufedern, stellt der Film die Norweger als etwas schrullige Hippiegemeinde vor. Matt Damon hat sich von der Stimmung anstecken lassen und trommelt verträumt auf Bongos herum. Dann bricht die Nacht an. Es ist eine der traurigsten Szenen, die sich Hollywood in den letzten Jahren ausgedacht hat.

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