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Globale Erwärmung:Das Ende des Frühlings

Klimawandel Globale Erwärmung Polarkreis

Von wegen "ewiges Eis": Grönland, wo unser Bild entstand, verliert jährlich 300 Kubikkilometer. Wir entnehmen die Aufnahme Stefan Hunsteins bei Hirmer erschienenem Band "Im Eis".

(Foto: Stefan Hunstein)

Knapp 10 000 Jahre lang bot die Erde dem Menschen eine klimatisch stabile Bühne für das Stück namens Menschheitsgeschichte. Hochsommerliche Nachrichten vom Polarkreis zeigen: Diese Bühne ist akut gefährdet.

Von Alex Rühle

Der Kleine Prinz aus Antoine de Saint-Exupérys Kinderfabel kommt auf seiner Reise über die verschiedenen Planeten mit ihren jeweils sehr bizarren Erwachsenentypen auch beim Geografen vorbei, einem pedantisch ernsten Forscher. Dieser Geograf erklärt dem Kleinen Prinzen voller Stolz, dass seine Bücher deshalb so unvergleichlich wertvoll seien, weil sie "niemals unmodern werden. Es ist sehr selten, dass ein Berg seinen Platz wechselt. Es ist sehr selten, dass ein Ozean sein Wasser ausleert." Der Geograf glitzert geradezu in seinem unerschütterlichen Wissensstolz, dass alle Fakten, die er in seinen Büchern sammelt, in Stein gemeißelt sind, unverrückbar, ewig gültig.

Ganz ähnlich sah das Fridtjof Nansen. In seinem Bericht über die wagemutige Polarexpedition 1893 bis '96 schrieb er: "Ungesehen und unbetreten, in mächtiger Todesruhe schlummerten die erstarrten Polargegenden unter ihrem unbefleckten, ewigen Eismantel vom Anbeginn der Zeiten." Von globalen Wärmephasen, geschweige denn vom Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum (PETM) vor etwa 55,8 Millionen Jahren hatten weder Nansen noch Saint-Exupérys Geograf je gehört. Während des PETM gab es auf der ganzen Erde überhaupt kein Eis, und der Meeresspiegel lag 70 Meter höher als heute.

Der Permafrost ist längst nicht so ewig, wie sein Name behauptet

Zwei Meldungen aus den vergangenen Wochen: Ende Mai kollabierte das Fundament eines Kraftwerks nahe der sibirischen Stadt Norilsk. Ein Dieseltank riss auf, mehr als 20 000 Tonnen flossen aus und verseuchen jetzt ein Gebiet, halb so groß wie Deutschland. Grund für die Katastrophe: tauender Permafrost. Norilsk liegt 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Am 17. Juni wurden dann im ostsibirischen Werchojansk 38 Grad gemessen. Auch Werchojansk liegt innerhalb des Polarkreises. Seit hier ein Verbannter des Zarenreiches 1885 minus 76,8 Grad gemessen hat, rühmt sich die Kleinstadt, Kältepol der bewohnten Welt zu sein. Im Januar liegt die Durchschnittstemperatur bei minus 50 Grad. In einer Reisereportage der Zeit seufzte die Besitzerin eines kleinen Werchojansker Hotels vor 14 Jahren: "In dieser Gegend ändert sich nie was."

Das stimmt zumindest klimatechnisch nicht mehr. Der "Permafrost" ist längst nicht so ewig, wie sein Name behauptet, halb Sibirien gerät mittlerweile ins Rutschen. Auf der anderen Seite der Beringstraße, an der Westküste Alaskas, zieht gerade das Dorf Newtok um, weil dort ebenfalls der Permafrost einbricht wie morscher Dielenboden, die Küstenlinie verschiebt sich, die Häuser bekommen Risse, jedes Jahr fällt mehr ins Meer. 187 Inuit-Dörfern droht das gleiche Schicksal. Auch sonst kommt in Sibirien wie Alaska alles in Bewegung. Die Zusammensetzung der Wälder ändert sich, Kabeljau und Schellfisch verlagern ihren Schwerpunkt Jahr für Jahr 160 Kilometer weiter nördlich. In Alaska breiten sich Biber aufgrund der Erwärmung rasant aus und befördern nun selbst wieder eben diese Erwärmung: Allerorten entstehen durch ihre Dammbauten neue Stauseen, die das Auftauen des Permafrosts weiter beschleunigen. Alaska wird übrigens von einem republikanischen Gouverneur regiert - und der hat im Februar vergangenen Jahres die Klimawandel-Taskforce entlassen, die eigentlich Konzepte für die Anpassung an den Klimawandel erarbeiten sollte.

Auch weiter nördlich ist nichts mehr, wie es war, der Topos vom "ewigen Eis" schmilzt vor unser aller Augen zur traurigen Trope zusammen. Die Luft in der Arktis erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie irgendwo sonst auf dem Planeten. Nansens "mächtig erstarrtes" Polareis ist im Vergleich zu 1979 um 80 Prozent seines Volumens geschrumpft. Grönland verliert 300 Kubikkilometer Eis pro Jahr, fünf Mal das Eisvolumen der gesamten Alpen, das Schmelzwasser, das allein im Juli 2019 ins Meer geströmt ist, würde ganz Deutschland einen halben Meter fluten.

Klimageschichtlich ist der Mensch Nutznießer eines einmalig schönen, ruhigen Frühlingstags. Ackerbau, Viehzucht und Kultur konnten überhaupt nur entstehen, weil vor 8000 Jahren ein mildes Allzeithoch einsetzte, wie man es sonst aus der jüngeren Klimageschichte nicht kennt. Das erklärt, warum die Menschen all die Jahrtausende zuvor als Jäger und Sammler umhergezogen sind, ohne Häuser bauen, Tiere domestizieren und ab und zu ein Gedicht schreiben zu können. Das Einzige, was von ihnen blieb, sind ein paar Höhlenzeichnungen und Mastodonknochen. Damals versiegte immer wieder der Golfstrom, was zu extremen Klimaschwankungen führte. Die Temperaturkurve jener Jahrtausende muss ausgesehen haben wie eine expressionistische Fieberkurve. "Und dann wich der klimatische Irrsinn plötzlich der gelassensten Ruhe ... Der nun schon 8000 Jahre währende Frühling ist zweifelsohne das entscheidende Ereignis der Menschheitsgeschichte." So beschreibt es der Zoologe Tim Flannery in seinem Buch "Wir Wettermacher".

Einst änderte sich in 30 Jahren wenig, jetzt ändern sich ganze Klimazonen

Wir hatten also knapp 10 000 Jahre derart zuverlässige Bedingungen, dass die Erde uns eine stabile Bühne geboten hat für das Stück namens Menschheitsgeschichte - an ihren Rändern blieb das Eis aus der vormaligen Glazialzeit wie ein Bühnenvorhang übrig. Jetzt fängt diese Bühne an auseinanderzufallen wie ein Kartenhaus. Dass es in Sibirien nördlich des Polarkreises an einigen Junitagen wärmer war als in Miami und zwar jemals in Miami im Juni, zeigt, dass das, was wir unter stabilen Klimazonen verstehen, seine Gültigkeit verliert. Ein Begriff wie "Jahrhundertflut" hat keinen Sinn mehr, wenn Houston innerhalb von fünf Jahren von fünf "500-Jahrstürmen" getroffen wird. Und dass die Verantwortlichen der Ölkatastrophe von Norilsk zu ihrer Verteidigung sagen, das mit dem Permafrost als Fundament für riesige Industriestädte habe doch 50 Jahre tadellos funktioniert, ist ein Bild für die Unfähigkeit, mit diesen Disruptionen umzugehen.

Kürzlich erschien ein Text in der New York Times, der dem Phänomen nachging, dass der steigende Meeresspiegel "einen basalen Baustein der amerikanischen Immobilienwirtschaft verändert, der seit Generationen fix geblieben war: die 30-Jahreshypothek." Immer mehr Hauskäufer wollen sich nicht für einen derart langen Zeitraum festlegen, umgekehrt dringen die Banken auf höhere Anzahlungen als früher. Der amerikanische Schriftsteller David Wallace-Wells merkte dazu an, jede Hypothek sei eine Wette auf die Zukunft. 30 Jahre galten bisher als überschaubar stabiler Zeitraum. Mittlerweile aber wird immer klarer, dass der Klimawandel keine sanfte Sache ist, sondern diskontinuierlich, in Sprüngen vonstatten geht. Das Internetportal Climate Central schätzt, dass 500 000 amerikanische Häuser auf Land stehen, das in 30 Jahren zumindest einmal pro Jahr überschwemmt werden wird.

Die dritte sommerliche Nachricht aus Sibirien: Es brennen auch in diesem Jahr wieder ländergroße Flächen ab. Zwar hat es dort auch in früheren Sommern viel gebrannt, aber in den vergangenen 18 Monaten wurde mehr Kohlendioxid freigesetzt als in den 16 Jahren zuvor.

Antoine de Saint-Exupérys Geograf rät dem Kleinen Prinzen übrigens, auf die Erde zu gehen. Begründung: "Sie hat einen sehr guten Ruf!"

© SZ vom 04.07.2020/khil
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