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Kleists "Erdbeben in Chili":Erdbeben, dann steigern

Das Erdeben in Chili - Residenztheater 2020

Das Erdeben in Chili - im Münchner Residenztheater wird daraus ein Rasen der Massen, das nur kurz unter einer Staubschicht begraben wird.

(Foto: Sandra Then / Residenztheater)

Das Münchner Residenztheater und das Staatstheater Nürnberg wagen sich an Kleists Novelle "Erdbeben in Chili": Zwei Abende, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Von Christiane Lutz

Nach Monaten der intimen Lesungen aus Schauspielerküchen und kleinen Behelfsproduktionen wirkt ein Ulrich-Rasche-Abend erst einmal wie ein Mahl am ersten Weihnachtsfeiertag: üppig, etwas vulgär, aber hochgradig befriedigend. Rasche hat am Münchner Residenztheater die neue Spielzeit mit "Das Erdbeben in Chili" eingeläutet, die zweite Premiere unter Intendant Andreas Beck. Vergangene Woche hatte die Kleist-Novelle auch am Staatstheater Nürnberg Premiere, inszeniert von Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger. Wo Rasches Inszenierung als sättigende Machtdemonstration der Kraft der Kunst daherkommt, als dröhnender Paukenschlag hinein ins coronabedingte Theaterzaudern, ist Glogers bescheidenes Kammerspiel nicht weniger als der Beweis dafür, dass man das alles auch weglassen kann und außer drei guten Schauspielern nichts braucht für gutes Theater.

"Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir erleben davon nichts, als bloß den Umsturz der alten."

Warum die Novelle gerade jetzt so interessant erscheint, ist offensichtlich: Sie erzählt von einer Gesellschaft in erschütternder Krise. Viel mehr davon, wie diese Gesellschaft nach einem kurzen Moment des Innehaltens umso brutaler aufeinander losgeht. Man lernt nichts dazu, braucht und sucht sich Schuldige, um vom eigenen Elend abzulenken. In der Novelle erschlägt ein Mob die Liebenden Josephe und Jeronimo, weil sie durch ihre nicht standesgemäße Beziehung schuld am Erdbeben seien. Die Naturkatastrophe gilt hier als Warnschuss Gottes gegen den Sittenverfall, so jedenfalls die Theorie der Kirche.

Der Stoff ist ideal für Rasche, Fachmann für die Energie der Massen. Diesmal hat er auf die für ihn typischen gigantischen Apparaturen verzichtet, es rotiert nur eine Drehbühne im Raum, am hinteren Bühnenende spielen drei Musiker an E-Bass, E-Piano und Percussion (Komposition und musikalische Leitung: Nico van Wersch). Auf der Scheibe marschieren neun schwarz gekleidete Schauspieler (warum hat eigentlich niemand diese durchsichtigen Oberteile der Frauen verhindert? Kostüm: Romy Springsguth). Den Blick richten sie nach vorn, jede Textsilbe scheinen sie unter Anstrengung von einem winzigen Monitor abzulesen. "Sechzehnhundert. Und. Sieben. Undvierzig." Einzelne lösen sich aus der Gruppe, nehmen eine Rolle ein und treten wieder zurück. Dabei kann man beobachten, wie Rasche nicht die völlige Synchronisierung anstrebt, sondern jeden Spieler seinen eigenen Gang, seinen eigenen Sound finden lässt. Von Individualismus zu sprechen, wäre natürlich trotzdem maßlos übertrieben. Die Schlachtung des Paares, durch eine Keule wohlgemerkt, ist dann ein brachiales, ohrenbetäubendes Finale. Und ehe man sich versieht, wippt man mit dem Fuß zum Rhythmus der Musik. So weit, so bekannt.

Rasche wird oft vorgeworfen, sich selber gern der Mittel jener Mechanismen zu bedienen, die er kritisiert. Sprich: dass er mit einfachen Tricks Massen verführen will, um die Verführbarkeit der Massen zu zeigen. Vielleicht ist es eine zunehmende Sorge, missverstanden zu werden, die ihn auf die Idee brachte, aktuelle Texte einzubauen von Papst Franziskus, Zukunftsforscher Matthias Horx oder Slavoj Žižek. Wenig subtile Texte, die auch dem Zuschauer in der letzten Reihe einhämmern, dass unsere Krise natürlich die Pandemie ist, diese wiederum ein Resultat des kapitalistischen Höher-schneller-weiter. So muss der tapfere Thomas Lettow als Chorherr tatsächlich vom Virus und der Überbevölkerung predigen. Stimmt ja alles, ist aber eine unnötige Geringschätzung des Publikums, dem die Fähigkeit zur Abstraktion abgesprochen wird.

Dennoch finden in diesem "Erdbeben" Inhalt und Form gut zusammen. Denn wenn Rasche das Laute sonst immer laut inszeniert, gelingt es ihm diesmal, das Leise leise bleiben zu lassen. Im Mittelteil der Inszenierung unterbricht er den Marsch, es sind die Stunden nach dem Unglück, als sich die Überlebenden vor den Toren der Stadt versammeln. Stunden, in denen "der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn" scheint und die Menschen solidarisch sind. Die Spieler liegen unter einer vom Resi-Himmel gefallenen Staubdecke auf der Drehscheibe, während sich drei Leuchtflächen heruntersenken und die Szene in warmes Licht tauchen. Die Musik ist beinahe gefällig. Als sich die Spieler vor den Leuchtflächen wie vor der aufgehenden Sonne aufrichten und nurmehr schwarze Schatten sind, ist das geradezu zart. Was, wenn sie von der ewig rotierenden Scheibe stiegen? Für einen Moment scheint es möglich. Kurz ist die Masse Gemeinschaft, ehe sie vom Erwachen zu erwachen scheint und sich aufmacht, Schuldige zu schlachten. Am Ende kennt Kleist keine Hoffnung, Rasche auch nicht.

Staatstheater Nürnberg Schauspiel "Das Erdbeben in Chili"
Von Heinrich von Kleist
Regie: Jan Philipp Gloger
Premiere: 18.09.2020

Das Staatstheater Nürnberg macht aus dem "Erdbeben in Chili" ein reduziertes Kammerspiel, hier mit Amadeus Köhli und Pauline Kästner.

(Foto: Konrad Fersterer/Staatstheater Nürnberg)

In Nürnberg verlässt sich Jan Philipp Gloger in seinem schlichten und würdevollen Abend darauf, dass der Text die Arbeit schon machen und den Sog des Grauens vermitteln wird. Und er verlässt sich zu Recht. Kleists Worte brauchen keine Illustrierung. So sprechen Pauline Kästner, Amadeus Köhli und Sascha Tuxhorn in den Kammerspielen vor allem den Text, nur ab und zu spielen sie die Figuren. Unaufgeregt schildern sie die Geschichte vom Erdbeben 1647, übrigens eine reale Katastrophe, die Kleist in seiner 1807 erschienen Novelle verarbeitete. Teilnahmsvolle Blicke werden zu fassungslosen, zu wütenden. "Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir erleben davon nichts, als bloß den Umsturz der alten", heißt es in Nürnberg ganz am Ende, ein Zitat aus einem Brief Kleists. Das ist Verweis genug auf die Gegenwart.

© SZ vom 28.09.2020

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