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Kleinkunst:Vier gewinnen

Münchner Lach- und Schießgesellschaft

Sie sagten alle sofort Ja zum neuen Ensemble der Lach- und Schieß: Sebastian Rüger, Caroline Ebner, Frank Smilgies und Norbert Bürger.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

In die 60. Saison startet die Lach- und Schießgesellschaft wieder mit einem eigenen Ensemble. Ihr Programm "Wer sind wieder wir" befasst sich mit dem krisengeschüttelten Europa

Interview von Oliver Hochkeppel

Fiel früher der Name Lach- und Schießgesellschaft, war zumeist nicht nur der Ort gemeint, sondern auch das dazugehörige Ensemble. Vier Jahre lang war die Münchner Kabarett-Institution allerdings nur Spielstätte, ins 60. Jahr seit der Gründung wollte Chef Till Hofmann indes nicht ohne eigene Truppe gehen. Frank Smilgies und Sebastian Rüger, bekannt als Duo Ulan & Bator, der mit dem Orchester Bürger Kreitmeier einschlägig vorbelastete Musiker Norbert Bürger und die einst zum Ensemble der Kammerspiele gehörende Schauspielerin Caroline Ebner sind die Auserwählten, die am Dienstag mit "Wer sind wieder wir" Premiere feiern.

SZ: Die Leitung der Lach- und Schießgesellschaft ist zunächst einmal auf Ulan & Bator zugekommen. . .

Sebastian Rüger: . . . ja, das war ganz süß, die Steffi Rosner hat uns ein Zettelchen rübergeschoben, wie früher in der Schule, weil sie uns nie unter vier Augen zu fassen bekommen hat.

Frank Smilgies: Da stand drauf: "Wollt Ihr unser neues Ensemble sein?" Den Zettel haben wir behalten, der kommt ins Museum.

Caroline Ebner: Stand da auch Ulan & Bator drauf oder war das vielleicht ein Versehen?

Smilgies: Die Frage stellt sich zu spät.

Sie haben sich jedenfalls gemeint gefühlt?

Smilgies: Ja.

Und haben lange darüber nachdenken müssen?

Smilgies: Nein, wir haben sofort zugesagt. Und das Überlegen setzte danach ein.

Das ist zwar eine große Ehre, aber doch auch eine Bürde ?

Smilgies: Ja, weil bei uns auch noch die ganze Infrastruktur dazukommt. Die früheren Ensembles waren bisher ortsansässig, das stand bei uns nicht zur Debatte. Wir können ja nicht deswegen mit unseren Familien aus Köln und Berlin hierherziehen. Und dennoch konnten wir nicht anders.

Gab es die Vorgabe, dass es vier Leute sein müssen?

Smilgies: Es gab keine Vorgabe, zunächst.

Rüger: Uns wurde zunächst eine Carte blanche erteilt. Aber nach dem "Ja" häuften sich doch die Wünsche. Das Geschichtsbewusstsein kam dazu: Wie groß waren die Ensembles bisher? Gab es schon einmal ein Duo? Meines Wissens nach nicht. Dafür war fast immer eine Frau dabei. Und Musik wäre auch nicht schlecht. So wurden wir dann doch vier.

Dafür haben Sie dann ein Casting gemacht und sind auf eine Kabarett-Debütantin gekommen?

Ebner: Es stimmt, ich bin eine totale Kabarett-Novizin. Aber wir drei waren zusammen auf der Folkwang-Schauspielschule.

Smilgies: Es gab schon dieses Urvertrauen, dieses Urwissen. Das Unaussprechliche war gegeben.

Rüger: Frank und Caroline waren in einem Jahrgang, ich einen darüber. Und ein besonderes Schmankerl ist, dass Carolines Mutter Käthe unsere gemeinsame Sprecherzieherin war.

Trotzdem muss das doch unerwartet gewesen sein, plötzlich für Ensemblekabarett angefragt zu werden, Frau Ebner?

Ebner: Ich hatte vor allem eine Theaterpause geplant. Ich wollte mal unsichtbar arbeiten, einfach ein kreatives Leben führen, ohne so exklusiv den ganzen Tag für das Theater da zu sein. Deshalb hatte ich gar nicht vor, wieder loszulegen. Dann war ich aber bei einem Abend von denen und habe in einem unbedachten, aber umso ehrlicheren Moment gesagt: "Ich will auch so eine Mütze!" (Strickmützen sind das Schlüsselrequisit der Ulan & Bator-Show, d. Red.) Jetzt klingelte das Telefon, und auf die Frage "Machste mit?" konnte ich dann nur mit Ja antworten. Einen Tag später habe ich gemerkt, es stimmt trotzdem noch im Bauch. Und jetzt hänge ich drin.

Wie kam dann Norbert Bürger an Bord?

Rüger: Wir kennen uns auch schon richtig lange. Das Orchester Bürger Kreitmeier ist uns 2004 das erste Mal begegnet. Da waren sie die Gastgeber einer Mixed-Show, bei der wir relativ neu als Ulan & Bator unterwegs waren und da das erste Mal zwölf Mal am Stück spielten. . .

Norbert Bürger: . . .beim Kolln Cömedy, äh Kölln Comedy Festival. . .

Rüger:. . . seitdem kannte und schätze man sich, begegnete sich immer wieder in der Szene, und wir wussten, wenn mal was mit Musik ansteht, dann mit Nobbse.

Sie hatten just Zeit neben all Ihren Bands?

Bürger: Nein. Aber es hilft ja nichts. Ich war gerade im Abseits-Biergarten, als der Sebastian mich anrief, ob ich Interesse hätte. Ich hatte schon ein paar Bier und habe natürlich sofort gesagt: Hey, passt!

Ihr habt ihn in einem sehr günstigen Augenblick erwischt. . .

Bürger: Ich hätte sonst nie mitgemacht.

Smilgies: Wir hätten ihn sonst nie um 14 Uhr angerufen.

Bürger: Das ist eigentlich der größte Nachteil, dass wir so früh zu proben anfangen. Um zehn!

Ebner: Wir machen das auch weiter so, abends kann er gar nicht mehr sprechen, denn schon jeden Morgen kriegt er von uns Bier.

Rüger: Er will aber auffällig wenig Bier trinken in letzter Zeit. Sitzt immer nur da und schüttelt den Kopf.

Bürger: Die machen sich richtig Sorgen um mich.

Was Sie proben, wird anders aussehen als bei früheren Ensembles?

Smilgies: Das Gute ist, wir wissen das gar nicht. Wir kennen die Vorgänger nur vom Hörensagen. Mehr als dass die toll waren, wissen wir nicht.

Sie haben keine alten Programme angeschaut?

Smilgies: Nein. Vielleicht machen wir das auch vorerst lieber nicht. Jedenfalls wissen wir deshalb nicht, wie stark es sich im Style unterscheidet. Wir hatten aber von der Lach- und Schieß schon die Vorgabe, dass wir die Tradition nicht ganz vergessen. Wir bemühen uns schon, ein Spektrum abzubilden, das auch das politische Kabarett einschließt, soweit wir das können.

Bürger: Ich würde sagen, wir haben uns inhaltlich darauf eingelassen, aber vom Stil her sind wir uns alle treu geblieben.

Ebner: Es geht ja auch um eine neue Erfahrung für alle Beteiligten. Um einen Schulterschluss mit der Lach- und Schießgesellschaft; darum, eine Kombination dessen zu finden, was jeder mitbringt.

Smilgies: Eben. Das ist jetzt eben nicht Ulan & Bator mit Anhang, sondern es sind vier Künstler, die alle Ihres mitbringen, und da entsteht etwas neues Gemeinsames.

Ebner: Wir haben auch alle geschrieben.

Haben Sie, Herr Bürger, vor allem Songtexte geschrieben?

Bürger: Nein, die Musik, die ich geschrieben habe, ist komplett instrumental. Der einzige Songtext dabei stammt vom Sebastian.

Rüger: Ja, ich habe einen Punk-Industrial-Song beigesteuert, damit es nicht nur ziseliert bleibt. Von Norbert kommt ein toller Reigen aus Zirkus, Brecht und Zappa.

Wie aktuell wird es werden? Kommt Griechenland vor, die Flüchtlingskrise?

Rüger: Da kommt man nicht dran vorbei.

Smilgies: Wir improvisieren im Grunde genommen auf Grundlage der Zeitung, die nächste Woche Dienstag erscheinen wird.

Rüger: Um Gottes Willen, quatsch. Aber es ist ein denkbar harter Zeitpunkt, mit so einer Ikone des politischen Kabaretts herauszukommen, noch dazu mit dem 50. Programm: Es passiert so unfassbar viel. Weil wir eher theatral arbeiten, braucht das Schreiben etwas länger. Das heißt, es kann also bei den Themen gut sein, dass der eine oder andere sagen wird: Was wollt Ihr denn jetzt noch mit Tsipras.

Sie hatten Glück, der wurde wiedergewählt. . .

Ebner: . . das wusste ich aber auch. Wir chabe Chaus in Griecheland. . .

Rüger: Das war nur ein Beispiel. Aber etwa den Umbau des Asylrechts: Da können wir froh sein, wenn wir das noch irgendwie reinkriegen.

Ebner: Weil wir halt immer die Umsetzung als den direkten Weg wählen. Das braucht Zeit.

Hat das Programm einen Rahmen?

Smilgies: Weniger thematisch, eher einen musikalischen, finde ich.

Bürger: Und einen stilistischen, würde ich sagen.

Gab es ursprünglich einen anderen Titel?

Ebner: Ja. "Nerven Systeme". Das war lange der Arbeitstitel. Aber dann kam "Wer sind wieder wir", und das passt so gut zu einem entgrenzten Europa im allgemeinen Wackeln, wo sich jeder fragt, wer man eigentlich noch oder wieder ist.

Smilgies: So wie sich die Lach- und Schießgesellschaft auch fragt, wo sie jetzt steht.

Ensemble der Lach- und Schießgesellschaft: "Wer sind wieder wer", Premiere Dienstag, 27. Oktober, 20 Uhr, dann bis 16. 1., Ursulastraße 9, 39 19 97

© SZ vom 26.10.2015
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