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Kleine Nachtkritik: "King of Drama":Randalierende Tote

Prominente Fans und Experten

Jürgen Prochnow erzählte von seiner Bildungsreise.

(Foto: Foto: dpa)

Anstelle der nominierten Dichter sind prominente Fans und Experten anwesend. In der Expertenecke sitzen die Theaterkritiker C. Bernd Sucher und Frédéric Fergey, außerdem die Dramatikerin Gesine Danckwart. Da es der Moderatorin Emmanuelle Galabru nicht gelingt, eine Frage zu stellen, die nicht auf ihren Karteikarten steht, kommen die Diskussionen nur schleppend in Gang.

Eine essentielle Frage beschäftigt die Runde: Kann man auf das Urteil der Masse, die "vox populi" bauen? Wird aus dem demokratischen Abstimmungsverfahren wirklich der Geeignetste als Sieger hervorgehen? Oder wählt die Masse nur das Mittelmaß? Eine spannende, grundlegende Frage, die aufgrund der straffen Abfolge von Showeinlagen nicht weiterverfolgt werden kann.

Max Raabe singt für Brecht. Till Brönner bläst für Sartre. Jürgen Prochnow erzählt von seiner Bildungsreise nach Griechenland und von Schiller. Außerdem ist in Kürze zu lernen, wie man die Kulturstifter nicht immer verwechselt: Goethe war der, der viel von der Liebe verstand. Ibsen kannte die Frauen, aber anders als Bertolt Brecht, der sie bekanntlich auch kannte. Beckett war ein Sprachpedant. Sophokles ein antiker Superstar. Als interessierter Bildungskonsument hätte man eine differenziertere Lektüreinterpretation manchmal als wohltuend empfunden.

Nach zwei Stunden, die Entscheidung: Shakespeare landet auf Platz eins, auf dem Podest folgen Schiller und Molière. Die sogenannten Experten beurteilen das Urteilsvermögen der Wählerschar unterschiedlich: Shakespeare gehöre klar auf Platz eins, über die Folgeplätze ließe sich streiten. Einig sind sie sich nur wieder mit ihren Solidaritätsbekundungen für Anton Tschechow, den abgeschlagenen neunten Platz habe er wahrlich nicht verdient!

Nicht alles, was der Masse gefällt, ist mittelmäßig - eine Tatsache, für die Shakespeares Werke nach Jahrhunderten immer noch als Beweis dienen. Hoffnung also, für das Fernsehen, überhaupt für das kriselnde demokratische Bewusstsein? Bis arte es allerdings schafft, klassikertaugliche Casting-Shows zu produzieren, die weder das nach Witz gierende Publikum verhungern, noch die werten Toten in ihren Gräbern randalieren lassen, gilt für den Zuschauer ein Satz aus Sophokles' Tragödie "König Ödipus": "Am schmerzlichsten sind jene Qualen, die man frei sich selbst erschuf."