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Klaviergenie Daniil Trifonov:Unerhörte Fähigkeiten

Trifonov

Daniil Trifonov bei der Arbeit: Man muss in der Geschichte der Klavierkunst weit zurückgehen, um auf vergleichbare Phänomene zu stoßen.

(Foto: KFR/Frank Mohn)

In seinen Konzerten wird er zum Magier, da erfährt das Publikum aus längst bekannten Werken wahre Erleuchtungen. Nun hat der weltweit bewunderte Jungpianist Daniil Trifonov das Publikum in der Klavierstadt München zum ersten Mal live in seinen Klangkosmos geholt.

Von Helmut Maurò

Derzeit ist Daniil Trifonov vor allem mit einem beschäftigt: der Instrumentierung seines selbst komponierten Klavierkonzertes, das im kommenden Februar in Cleveland uraufgeführt werden soll.

Nächtelang sitzt er über der Partitur, immer neue Einfälle machen immer neue Arbeit. Ähnlich ergeht es ihm auch mit den Werken, die er für seine längst ausverkauften Klavierabende aufs Programm setzt. Immer wieder wechselt er den Blickwinkel, die Stimmung, die Tempi, die Klangfarben.

Letzte Woche spielte er im ehrwürdigen "Concertgebow" in Amsterdam, einem der renommiertesten Konzertsäle der Welt. Es klang wunderbar, besonders in den 24 Préludes op.28, mit denen er nun auch in Münchner im Herkulessaal debütierte, blitzten immer wieder ungehörte Einfälle auf und ließen die Stücke wie neu erscheinen.

Wirklich zwingend werden sie bei dem jungen Pianisten aber erst dadurch, dass er das Publikum mitnimmt ein seinen Klangkosmos, dass er die Tempi und Rubati, also die gewollten Tempoabweichungen, Verzögerungen, Beschleunigungen so wählt, dass man gezwungen ist, sich gleichsam ganz in die Hände des Pianisten Trifonov zu geben. Da wird er zum Magier, da erfährt man aus längst bekannten Werken wahre Erleuchtungen.

Dass der inzwischen weltweit bewunderte Jungpianist - er ist gerade mal 22 Jahre alt - den allermeisten Kollegen technisch um Längen voraus ist, hat sich herumgesprochen. Dass er aber so aberwitzig virtuos sein kann, wie er dies in München mit Claude Debussys "Reflets dans l´eau" aus den "Images pour piano" oder in der dritten Zugabe mit Ravels "Miroirs" zeigte, ist immer wieder überwältigend.

Immer klangvoll, ob donnernd oder sehr leise

Das komplette Publikum folgte ihm eine ganze Weile nahezu hüstelfrei bis ins zarteste Pianissimo, und hierbei lässt sich Trifonov auf keinerlei Kompromisse ein. Er spielt immer klangvoll, aber manchmal so leise, dass man es in der letzten Reihe nur hört, wenn wirklich keine Nebengeräusche dagegen wirken.

Auch im anderen Extrem, den donnernden Fortissimo, steckt Trifonov nicht zurück, wenn er die kraftvolle Pranke musikalisch für angemessen hält. Das ist öfter der Fall, als man dies in den üblichen Auffassungen von Chopins Préludes und auch Robert Schumanns Sinfonischen Etüden gewohnt ist, die er nach der Pause spielte.

Aber Trifonov haut nicht einfach in die Tasten, weil es ihm besonderen Spaß bereitete, mit Knalleffekten zu reüssieren. Vielmehr ist in seinem Spiel immer ein Gedanke, eine Konzeption spürbar, die darauf abzielt, seine Sichtweise, seinen intellektuellen und emotionalen Zugang und sein eigenes musikalisches Erleben eines Werkes auch pianistisch zu gestalten und gleichsam spielerisch zu vermitteln.

Wie er zum Beispiel Klänge und Klangballungen nicht nur gezielt dramatisiert, die Höhepunkte vorbereitet, sondern auch das Abklingen, das Nachlassen der Energie, das vollständige Entschwinden eines Klanges erzählt - das ist ganz unerhört. Und wieviel Zeit er sich lassen kann, eine Dissonanz, einen Vorhalt aufzulösen zur schließenden Dur-Erlösung - erst im allerletzten Moment, wenn die Spannung abzureißen droht, setzt er den erlösenden Ton ganz unscheinbar, wie nebenbei.

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