Klavierabend Pollini In sich verkapselt

Eine Menge Chopin war wieder dabei beim Klavierabend des 74-jährigen Maurizio Pollini in München. Der Meister spielte lässig, gar jazzig.

Von Michael Stallknecht

"Fabbrini" lautet die schwungvolle Inschrift auf dem Flügel, den Maurizio Pollini mit nach München gebracht hat. Es ist der Name des italienischen Klavierbauers Angelo Fabbrini, der Flügel aus dem Hause Steinway so lange überarbeitet, bis sie fast wie die Instrumente des 19. Jahrhunderts klingen: trennschärfer in den Registern als ein gewöhnlicher Steinway, weiter gefächert in den dynamischen Möglichkeiten, vor allem aber leicht, zart und glockenhaft im Diskant. Es ist ein nostalgischer Ton, der sich bestens zu diesem Klavierabend im Herkulessaal fügt.

Auf seine Klarheit kann man sich nicht mehr verlassen, Pollini muss aus dem Moment heraus schöpfen

Gerade hat die Deutsche Grammophon eine Box mit 55 CDs herausgebracht, die Pollinis Schaffen für das Label über die Jahrzehnte dokumentiert. Darunter auch viel Chopin, mit dessen Musik der Name des Pianisten seit dem Sieg beim Warschauer Chopin Wettbewerb im Jahr 1960 eng verbunden ist. Auch in München steht in der ersten Hälfte wieder viel Chopin auf dem Programm, die zwei Nocturnes op. 27, die dritte und vierte Ballade, dazu die Berceuse op. 57 und das erste Scherzo. Doch auf die Klarheit und technische Brillanz, mit der Pollini berühmt geworden ist, kann man sich inzwischen nicht mehr wirklich verlassen. Manches wirkt vernuschelt, anderes vage hingewischt, auch weil Pollini den Fuß fast dauerhaft aufs Pedal stellt. Die Interpretation wird damit von den Möglichkeiten bestimmt, die dem inzwischen 74-Jährigen noch zur Verfügung stehen. Entsprechend spielt Pollini über weite Strecken all'improvviso, muss aus dem Moment heraus schöpfen. Doch ganz im Moment zu sein, eröffnet auch Freiräume - für eine interessante Basslinie hier, einen fein gesetzten Rhythmus dort, vor allem aber für die melodischen Gestalten, die auf Fabbrinis Flügel noch deutlich melancholischer klingen als sonst schon bei Chopin.

Nach der Pause, beim zweiten Buch der Préludes von Claude Debussy, erreicht Pollini wieder größere Klarheit. Gerade die leisen Farben wirken nun deutlicher ausdifferenziert, auch wenn Pollini keineswegs auf den Klangfarbenzauber setzt, den die malerischen Stücktitel prinzipiell ermöglichen. Es herrscht die Nüchternheit, die sich schon immer mit Pollinis Namen verband. Über klar spürbaren harmonischen Verläufen vereinen sich die Töne zu einem freien Spiel abstrakter Kräfte. Manchmal spürt man da fast so etwas wie jazzige Lässigkeit, auch weil Pollini kaum noch für ein konkretes Publikum zu spielen scheint. Selbst wenn ihm dieses, wie hier in München, am Ende drei umfangreiche Zugaben entlocken kann. Dennoch wirkt Pollini über weite Teile des Abends wie in sich verkapselt, scheint die Musik inzwischen ganz einem inneren Kosmos einzugliedern.

Wohl auch deshalb behält man den stärksten Eindruck von Arnold Schönbergs Opus 19, mit dem Pollini den Abend eröffnet hatte: sechs kurze Stücke, bestehend nur aus wenigen Takten. Bei Pollini werden sie ganz zur rätselhaften Innenschau, zu offenen Fragen ins Nirgendwo. Ihre Aufführung hat er dem Weggefährten Pierre Boulez gewidmet, gestorben im Januar dieses Jahres. Es ist nicht das Einzige an diesem Abend, an dem man merkt, dass eine Ära zu Ende geht.