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Zum Tode von Klaus Podak:Friedlicher Ostpreuße

Klaus Podak

"Außerdem bin ich auch in Tapiau geboren, im Jahre 1943": Klaus Podak, der ehemalige SZ-Redakteur und langjährige Leiter der Wochenendbeilage, ist im Alter von 76 Jahren in München gestorben.

(Foto: SZ Photo)

Der "größte Vorteil von Medienarbeit" sei, sagte der langjährige SZ-Redakteur Klaus Podak mal, dass man Geistesgrößen "ungeschoren auch dumme Fragen stellen" dürfe. Als ob er das je getan hätte.

Hätte man Klaus Podak danach gefragt, was ihm zu Tapiau in Ostpreußen einfiele, hätte er vielleicht gesagt: "In Tapiau ist Lovis Corinth geboren, im Jahre 1858." Dann hätte er einen Vortrag über Corinth, den Impressionismus und die Berliner Secession gehalten. Wahrscheinlich hätte er auch Immanuel Kant, den Ostpreußen, sowie Arno Schmidt, kein Ostpreuße, aber Podaks Favorit, je zehn Minuten lang erwähnt.

Zum Schluss hätte er gesagt: "Außerdem bin ich auch in Tapiau geboren, im Jahre 1943." Jetzt ist Podak im Alter von 76 Jahren in München gestorben.

Klaus Podak war von 1990 bis 2002 der verantwortliche Redakteur der Wochenend-Beilage der SZ. Vorher und nachher war er Autor, Fernseh- und Hörfunk-Journalist sowie, ein Intermezzo nach 1984, eine Art festangestellter Hausintellektueller bei Bertelsmann. Er war einer jener immens belesenen Menschen, von denen es, so meint man, immer weniger gibt. In seinen guten Tagen beeindruckte er mit einem phänomenalen Gedächtnis. Podak las viel, redete gern und beschäftigte sich am liebsten mit denen, von denen er gerne las.

Weil er nicht nur schrieb, machte er vor allem für die ARD von 1973 an Hunderte Filme und Beiträge. Er sprach vor der Kamera mit Karl R. Popper und Uwe Johnson, befragte Ernst Jünger und versuchte, den Zuschauern Niklas Luhmann näherzubringen. Viele dieser Beiträge liefen im Kulturmagazin "Titel, Thesen, Temperamente". Der "größte Vorteil von Medienarbeit" sei, sagte Podak mal, dass man Geistesgrößen "ungeschoren auch dumme Fragen stellen" dürfe.

So wurde aus Rilkes Panther ein vom Redakteur bearbeitetes Kurzgedicht: "Der Tiger/blieb Sieger."

Als ein SZ-Hierarch dem Redakteur Podak brieflich mal dies und das vorhielt, antwortete Podak schriftlich im Luhmannschen Sinne: "Soziale Systeme bestehen aus Kommunikation." Weil er ein "friedlicher Ostpreuße" sei, wolle er mit dem Chef lieber zum Essen gehen, als sich mit ihm zu streiten. Der Konflikt war Podaks Sache nicht, der Genuss schon eher.

Podak war nicht nur gebildet, er konnte auch ironisch sein. In einem Text beschrieb er mal eine fiktive Begegnung zwischen einem Dichter, der aussah und dichtete wie Rilke, und einem Redakteur. Der Dichter brachte ein Gedicht mit, der Redakteur setzte ihm auseinander, dass Stäbe nicht vorübergehen könnten, dass nicht der Blick, sondern der Panther, der eigentlich ein Tiger sein müsste, müde geworden sei, und dass der Dichter nicht wissen könne, ob der Tiger das Gefühl habe, hinter tausend Stäben gebe es keine Welt. So wurde aus Rilkes Panther ein vom Redakteur bearbeitetes Kurzgedicht: "Der Tiger/blieb Sieger." Der Text erschien in der SZ, und in der Redaktion dachten viele für sich, er oder sie kenne in der Kollegenschaft manchen Tiger-Redakteur.

Podak gehörte auch eine Zeit lang der eher uninstitutionalisierten Streiflicht-Redaktion an. Er schrieb zwar nicht viele Streiflichter, aber er trug redend zu manchen bei. Den Panther hätte er nie gekürzt. Klaus Podak hätte ihn eher mit einer 60-seitigen Einleitung und einem etwas kürzeren Schlusswort bei Wagenbach oder Suhrkamp editiert.

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