Klaus Lemke beim Filmfest München Erst noch den nächsten kleinen, fiesen Film

Am nächsten Mittag stochert Klaus Lemke zufrieden in seinen Penne Arrabiata bei seinem Lieblingsitaliener in Mitte, wo sich die blonde Berliner Bedienung alle fünf Minuten erkundigt, ob bei den Signori auch noch "allet tutto bene" ist. Und rekapituliert von Berlin aus, warum es in München erst einen neuen Oberbürgermeister, eine neue Filmfestchefin und einen neuen Kurator fürs deutsche Kino gebraucht hat, bis er und das Filmfest endlich zusammen gefunden haben.

Lemke liebt München ja, trotz allem - und gerade deshalb muss er es auch manchmal hassen. Zum Beispiel weil jener kürzlich verrentete OB laut Lemke mit dem Festival das machen wollte, was mit dem deutschen Theater längst passiert sei: es mit Steuergeldern erlegen, ausstopfen und musealisieren, bis es leblos und ungefährlich ist.

Diese Politik habe bei den ehemaligen Festivalverantwortlichen dazu geführt, dass für jene kleinen, wilden Filme, wie Lemke und andere sie machen, kein Platz mehr gewesen sei. Weshalb das Terrorkommando Lemke beschloss, sich mit einer seiner Schauspielerinnen und einem Protestschild für mehr Freiwild-Kino in München neben dem Roten Teppich zu postieren. "Das hat keine Sau interessiert - nur Senta Berger, die plötzlich einen Fotografen aufgefordert hat, nicht sie zu fotografieren, sondern den komischen Lemke da hinten." Mittlerweile aber: "Alles Bombe!".

München, die Heimatstadt, hat sich viele Jahre einfach nur tot angefühlt

Das liegt, sagt Lemke, in erster Linie an der Arbeit des neuen Filmfest-Kurators für das deutsche Kino, Christoph Gröner, der das Festival wieder zu einem Experimentierfeld jenseits "dieser mittelständischen TV-Ware" gemacht habe- und den er bereits als künftigen Leiter der Berlinale sieht. Einen kleinen Denkzettel für München konnte er sich dann aber doch nicht verkneifen. Denn Lemke, der diese merkwürdig bourgeoise-proletarische Stadt in den Siebzigern und Achtzigern erst miterfunden hat, wie sonst höchstens noch Helmut Dietl und der Klatschreporter Michael Graeter, hat für die Filmfest-Retro ausgerechnet fünf seiner Hamburg-Filme ausgewählt, von "Rocker" (1972) bis "Dancing With Devils" (2010).

Erstaunlich an dieser Auswahl ist außerdem, dass Lemke, der wirklich kein Nostalgiker oder Melancholiker ist, weil er sonst nicht bis heute die Filme machen könnte, die er macht, mit ihr einen sehr großen Geist aus der Vergangenheit beschwört: Sylvie Winter, ehemals Fotomodell von wesentlich geheimnisvollerer Schönheit als Uschi Obermaier und der Star in drei der frühen Lemke-Filme, war drei Jahren lang seine Muse und Gefährtin - und kommt nun nach diversen spirituellen Umwegen aus ihrer amerikanischen Wahlheimat ebenfalls zur Lemke-Retro nach München. Die beiden haben sich seit sehr vielen Jahren nicht gesehen.

Kino Durch ein geträumtes Amerika
Filmfest München 2014

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Wenn man ihn auf die alte, große Liebe anspricht, wird Lemke, der die Anekdoten aus den wilden Zeiten über die Jahre in perfekte Aphorismen verwandelt hat, auf die er ständig zurückgreift, plötzlich ganz still.

Zuvor hat er noch geschliffen und pointensicher referiert, wie damals die ganze Mannschaft, von Fassbinder über Rudolf Thome bis Lemke selbst, nach den fiesen, großartigen Debütfilmen erst dem Kokain und dann dem Blödsinn anheimfiel. Weshalb die große Party leider sehr schnell wieder zu Ende war, weil die Deppen vom Fernsehen und die steuergeldgeilen Nischenfilmer und Manifeste-Schreiber den Laden übernommen hätten. Jetzt, auf die Frage nach Sylvie Winter, antwortet er lieber ausweichend.

Zum Beispiel, dass es ihm immer sehr gut gefallen habe, das die Garbo irgendwann einfach nicht mehr aufgetreten sei. Im Radioprogramm des Mitte-Italieners säuseln jetzt auch noch die Bee Gees. Der Appetit auf die Penne Arrabiata hat sich erledigt, lieber noch eine letzte Ausnahme-Zigarette vor der Tür. Irgendwie ist es aber trotz der plötzlichen Melancholie auch beruhigend zu sehen, das selbst Lemke, der sonst weniger melancholisch wirkt als die meisten Mittzwanziger, seine kleinen Kämpfe mit der Vergangenheit austrägt. Sie wohl auch austragen will, sonst hätte er sich nicht mit Lust auf diese bevorstehende Filmfest-Veranstaltung eingelassen.

Vor München und dem Festival und Sylvie wird er aber erst noch seinen nächsten kleinen, fiesen Film fertig drehen, hier im großen, fiesen Berlin-Mitte, der in schön-ster Lemke-Manier "Unterwäsche-Lügen" heißen wird.