Klassische Musik Guttenberg war gesegnet mit einer großen Unlust, die Dinge einfach hinzunehmen

In Neubeuern war er nie der Baron, da war er der Enoch oder der Guttei. Dort konnte er auch die Stimmen der Neider vergessen, die ihm den Reichtum der Familie vorwarfen - solle er doch das von ihm im Jahr 2000 gegründete und bis zuletzt geleitete Herrenchiemsee-Festival aus eigener Tasche bezahlen, tönten die Ignoranten. Aber Guttenberg war gesegnet mit einer großen Unlust, die Dinge einfach hinzunehmen. Ein familiäres Erbe. Die Großeltern waren im Widerstand gegen Hitler involviert, ein Großonkel wurde nach Stauffenbergs Attentat hingerichtet, der Vater stand vor dem Kriegsgericht, weil er sich als 19-Jähriger weigerte, während des Polenfeldzugs Juden zu erschießen. Ein besonders aufwühlendes Konzerterlebnis war für Enoch zu Guttenberg, als er 2010 Schostakowitschs 13. Symphonie dirigierte. Diese trägt den Titel "Babi Jar", den Namen einer Schlucht am Rande von Kiew, wo SS und Wehrmacht 1941 Zehntausende Juden massakrierten.

Natürlich war Guttenberg einer der Ersten, der den Echo-Preis zurückgab, aus Protest gegen die Verleihung des Preises an die beiden umstrittenen Rapper. Er hatte ihn für eine Einspielung von Bruckners vierter Symphonie erhalten, zusammen mit dem Orchester, das er 1997 gegründet und nach eigenen Maßstäben geformt hatte, der Klangverwaltung. Deren Beginn war durchaus disparat, doch bald wuchs das Orchester zusammen, tourte mit ihm und auch ohne Chor. Immer dabei der natürlich bewusst gewählte Name, aufreizend bürokratisch, im größten Kontrast zu Guttenbergs eigener Auffassung von Musik. Immer wieder und immer wieder neu konnte man über Jahrzehnte hinweg diese Auffassung erleben bei Guttenbergs Interpretationen der großen Oratorien Johann Sebastian Bachs.

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Seine spirituelle Leidenschaft ist hierbei immer unabdingbarer geworden. Weit mehr als 100 Mal hat er Bachs Passionen dirigiert, unermüdlich an der Interpretation gefeilt, Wissen um die Historie mit extremer Leidenschaft verknüpft, und doch, wenn man im vergangenen Jahr zur Eröffnung der Herrenchiemsee-Festspiele Guttenberg, die Klangverwaltung und die Chorgemeinschaft im Münster von Frauenchiemsee erlebte, da hatte man das Gefühl, da habe einer eben ein Werk, das ihn bis auf den Urgrund der eigenen Existenz erschütterte, für sich entdeckt. Enoch, der Unabdingbare, machte in der "Johannespassion" den darin enthaltenen Antisemitismus Martin Luthers spürbar, begann das Werk als nervöses Mysterium, als eine Schöpfung, die zur Katastrophe oder zum Hymnus führen könnte. Und als die Spannung im Orchester annähernd unerträglich wurde, explodierte der Chor in einem Wort: "Herr!" Ein musikdramatisches Erlebnis.

Enoch zu Guttenberg wurde oft als "Bekenntnismusiker" bezeichnet

Enoch zu Guttenberg war nicht gläubig im Sinne eines naiven, kirchlichen Verständnisses. Er war ein spiritueller Humanist, allerdings einer, der vor Leidenschaft barst. Nicht nur war sein Frack nass nach jedem Konzert, auch war sein Geist scharf in jedem Gespräch. Er war einer, der Sätze sagen konnte, die bei fast jedem anderen völlig irrsinnig wirken würden: "Wenn ich an den Irakkrieg denke, weiß ich, wie ich das Ende von Verdis Requiem zu dirigieren habe." Oder, etwas milder, zur Frage, ob dieses Requiem Verdis Oper oder geistliche Musik sei: "Es geht um die zerrissene Auseinandersetzung eines Atheisten mit seinem alten Gott." Guttenberg meinte Verdi, nicht sich selbst.

Mit neuer Musik tat er sich schwer, er fand darin einfach nicht die "Größe der Menschlichkeit", wie er sie bei Bach, Bruckner, Beethoven fand. Enoch zu Guttenberg wurde oft als "Bekenntnismusiker" bezeichnet, was ihn selbst amüsierte. Er verneinte diese Bezeichnung für sich, erklärte anhand von Bruckner auch, warum: "Aus meiner Sicht ist Bruckner ein ganz großer Bekenntnismusiker. Er ist der große kleine liebe Gott von einem großen kleinen Mann. Oder umgekehrt, von einem kleinen großen Mann der kleine liebe Gott. So ungefähr."

Am Freitag ist Enoch zu Guttenberg überraschend gestorben, im Juli wäre er 72 Jahre alt geworden. Er hinterlässt vier Kinder. Und ein kompromissloses Eintreten für die Musik. Er wird fehlen, da helfen weder die CDs noch seine Briefe hinweg.

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