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Klassische Musik:Spirituelle Sinnsuche

Der begnadete Geiger Gidon Kremer wird 70 Jahre alt. Im Gegensatz zu vielen Kollegen beschränkt sich das Repertoire dieses Musikers nicht auf Bach und Beethoven.

Von Reinhard J. Brembeck

Wer auch nur einmal diesen visionär leisen und der Welt abhandengekommenen Ton gehört hat, der wird Gidon Kremer nie wieder einen Geiger nennen, sondern wird in Zukunft mit tiefer Bewunderung von einem "Musiker" sprechen. Aber, könnte man einwenden, sind sie nicht alle Musiker, die da geigen, zupfen, singen und blasen?

Irgendwie schon, und oft auch hervorragende Geiger, Pianisten, Flötisten oder Sänger. Aber bei sehr wenigen vergisst man das Medium so schnell und so gründlich wie bei Gidon Kremer die Geige, die ihm nichts als ein fast schon zufällig gewähltes Medium zu sein scheint, um nichts anderes als Musik zu machen. Das aber ist umso erstaunlicher bei einem Musiker, der sich und seinen Kampf mit dem durchaus widerborstigen Instrument immer selbstbewusst ins Zentrum stellt.

So war das auch vor 35 Jahren, als Kremer mit dem eingangs erwähnten weltjenseitigen Ton aus der Solokadenz des Violinkonzertes von Johannes Brahms herauskam, das ist in einem grandiosen Livemitschnitt dokumentiert. In der Kadenz ist Kremer in all seiner phänomenalen Ungeduld zu erleben, als ein Musiker, der immer alles will und dabei die Gegensätze miteinander verbindet: rau aufgeputschte Diesseitigkeit mit spiritueller Sinnsuche. Diese Pole verbinden sich bei Kremer immer ganz natürlich. Auch in den sechs Bach-Solos, die er gleich zweimal aufgenommen hat, lässt ihn doch das Rätsel dieses Angelpunkts nie los.

ITAR TASS MOSCOW RUSSIA DECEMBER 8 2010 Latvian Violinist Gidon Kremer performs Robert Schumann

Gidon Kremer hetzt von Uraufführung zu Uraufführung.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Nur Bach, Brahms und Beethoven zu spielen reicht ihm nicht aus

Doch Gidon Kremer ist Musiker und deshalb nicht zufrieden, wie das Gros seiner Kollegen vor allem Bach, Brahms, Beethoven und Tschaikowsky zu spielen. Der in Riga geborene und bei dem Geigenübervater Dawid Oistrach in Moskau fertig ausgebildete Kremer hat geradezu zwanghaft eine Sendung zu erfüllen: Er spielt immer und überall Zeitgenossen. Untrennbar verbunden mit seinem Namen ist das "Offertorium" von Sofia Gubaidulina, mit dem er nach seiner Emigration aus der Sowjetsphäre nach 1978 umgehend im Westen Furore machte.

Das Stück ist auch ein musikalisches Porträt des Musikers: stets neugierig, grüblerisch, unbeugsam, manchmal unwillig, gelegentlich esoterisch und immer um Verständlichkeit bemüht, selbst noch in den komplexesten Passagen.

Kremer uraufführt wie ein Weltmeister. Henze, Glass, Pärt, Vasks, Saariaho, Kantscheli, Nono, Reimann, Schnittke gehören zu den intimsten Musikfreunden seines gespickt vollen Terminkalenders. Um Arnold Schönberg aber und ähnlich abstrakte Avantgardisten macht er einen Bogen, deren Weg scheint ihm ein Irrtum zu sein. Viel lieber nahm er deshalb einst Tangogroßmeister Astor Piazzolla als Klassikschwergewicht ernst und reifte an ihm in einem schwierigen Annäherungsprozess.

Kremers neueste Liebe gilt dem aus Polen geflohenen jüdischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996), dessen derzeit triumphale Entdeckung fürs Konzertleben er federführend betreibt.

An diesem Faschingsmontag feiert Gidon Kremer seinen 70. Geburtstag. Aber schon am Tag danach geht er wieder auf Tournee, zusammen mit seiner Lieblingspianistin Martha Argerich und der Kremerata Baltica, die er vor zwanzig Jahren gegründet hat. Überhaupt nur ans Aufhören zu denken, dafür fehlt diesem Musiker schlicht die Zeit. Und wir Zuhörer sind sowieso immer gespannt, welchen Komponisten er uns als nächsten ins Bewusstsein katapultieren wird.

© SZ vom 27.02.2017
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