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Klassische Musik:Pixelsinfonie

Von MICHAEL STALLKNECHT

Dass seit dem Shutdown viele Musiker ihre Konzerte ins Internet verlagern, hat beim Publikum ziemlich schnell Überdruss hervorgebracht. Als bloßer Notbehelf lässt das Streaming die Defizite gegenüber dem Liveerlebnis nur umso stärker spüren. Die 31 Musiker der "Pixelsinfonie" wirken denn auch, als hätten sie schon einige solcher Streamingversuche hinter sich: Jeder in sein eigenes Videofenster gesperrt, drehen sie sich immer wieder zur weißen Wand, setzen und legen sich auf den Boden oder starren neben kargen Zimmerpflanzen ins Leere. Spielen sie, aufgefordert von einer strengen Computerstimme, dennoch zusammen, dann erinnert das Ergebnis manchmal entfernter, manchmal deutlicher an Ludwig van Beethovens Sechste Symphonie.

(Foto: Schlossfestspiele Ludwigsburg)

Zu Beethovens 250. Geburtstag hat Michael Rauter, Gründer des Solistenensembles Kaleidoskop, die "Pastorale" für die Ludwigsburger Schlossfestspiele überschrieben. Dafür sollten die Musiker eigentlich in Zimmern eines Ludwigsburger Hotels sitzen und das Publikum die Symphonie, den Zusammenklang durch die geöffneten Fenster hören können. Dann kam Corona und ließ aus dem Spiel mit der Isolation bitteren Ernst werden, weshalb das Konzept, als Online-Installation in den virtuellen Raum verlagert, nun noch besser passt als zuvor. Um Entfremdungserfahrungen geht es Rauter in seiner "Pixelsinfonie", um die Brüchigkeit des Bandes mit der Natur, die Beethoven im Untertitel als heitere "Erinnerung an das Landleben" beschwört. Deshalb zerdehnt er die Musik immer wieder, isoliert einzelne Stimmen oder lässt sie sich in Tonrepetitionen verhaken, streut Eigenes ein. Über einhundert Minuten, die noch eine Woche lang auf der Homepage der Schlossfestspiele abrufbar bleiben, zerfällt Beethoven vor sich hin. Eine strukturell und klanglich schlüssige Dekonstruktion entsteht dabei noch nicht, eher eine Verdopplung der Depressionserfahrung. Aber Rauter weist den Weg zu etwas, wozu die Ansätze auf klassischem Terrain momentan noch ziemlich zaghaft sind: zu digitalen Hörkunstformen, die das Internet als Medium ernst nehmen, statt es nur als defizitären Übertragungsweg zu gebrauchen. Sollte der Shutdown hier als Geburtshelfer dienen, dann hätte er immerhin etwas Gutes mit sich gebracht.

© SZ vom 20.06.2020

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