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Klassische Musik:Lasst uns Kokosnüsse spenden

Die Musik entsteht aus der theatralen Aktion: Stockhausens „Samstag“, Cité de la Musique, Paris.

(Foto: Claire Gaby)

29 Stunden dauert Karlheinz Stockhausens Zyklus "Licht". In Paris führt das Musikerkollektiv "Le Balcon" den "Samstag" auf: mit theatraler Kraft und Kommunion.

Es ist ein seltsamer Orden, der da zu nächtlicher Stunde in einer Pariser Kirche seinen Gottesdienst feiert. In Kutten und Holzpantinen umstehen vierzig Mönche murmelnd das Kirchenschiff, während vorn am Altar ein Vorsänger die "Lodi delle virtù", das "Loblied der Tugenden" des heiligen Franz von Assisi, anstimmt. Doch die himmlische Stille weicht bald einem Höllenlärm. Die Mönche rennen und hüpfen auf ihrem scheppernden Schuhwerk quer durch den Raum, rattern und bimmeln dazu derart wüst mit Karfreitagsklappern und Messschellen, dass es den Heiligen Jakob und Christoph, Namenspatronen der Kirche im 19. Pariser Arrondissement, schummrig werden muss droben im Himmel. Die wiederholt lautstark vortragene Forderung nach "obbedienza", "Gehorsam", hilft ebenso wenig wie die schrillen Cluster, die die Orgel und ein paar Posaunisten von der Empore schicken - bis schließlich ein wunderbar vom Himmel fallender Sack mit Kokosnüssen dem Treiben Einhalt gebietet. Es sind die Männer vom Chor der französischen Armee, einer ehrwürdigen Institution der französischen Republik, die dieses groteske Ritual nicht nur mit militärischer Präzision vollführen, sondern - man sieht es den Gesichtern an - durchaus kindlichen Spaß an diesem ungewöhnlichen Einsatz haben.

Gewonnen dafür hat sie das Musikerkollektiv "Le Balcon", das bis 2025 alle sieben Tage aus "Licht" aufführen will, dem 29-stündigen Musiktheaterzyklus, an dem der Komponist Karlheinz Stockhausen zwischen 1977 und 2003 arbeitete. Die Bedenken, die einer vollständigen Aufführung bislang im Weg standen, scheinen momentan schwächer zu werden. Erst vor vier Wochen waren beim Holland Festival in Amsterdam immerhin vierzehn Stunden zu erleben (SZ vom 4. Juni), nun realisiert "Le Balcon" den "Samstag", nach der Eröffnung mit dem "Donnerstag" im vergangenen Herbst.

Dieser Teil steht ganz unter der scheinbaren Herrschaft Luzifers

Stockhausen hat den gesamten Zyklus aus der Konfrontation der drei archetypischen Figuren Michael, Eva und Luzifer entwickelt, wobei er sich von Mythologien und Ritualen mehrerer Weltkulturen inspirieren ließ. Der "Samstag" steht, der christlichen Tradition entsprechend, als Tag des Todes ganz unter der scheinbaren Herrschaft Luzifers, bevor am Sonntag die dunkle Atmosphäre in das den Zyklustitel stellende Licht übergeht. "Luzifers Abschied" heißt die letzte, bereits auf die Auferstehung vorausweisende Szene, die nach den ersten zweieinhalb Stunden im Konzertsaal auf Wunsch des Komponisten in einer Kirche stattfindet. Traditionelle Theaterformen sprengend, arbeitet Stockhausen auch innerhalb der einzelnen Tage mit unterschiedlichen Besetzungsgrößen und -formationen, was die Aufführung schon jedes einzelnen personalintensiv macht. "Le Balcon", 2008 von sechs Studenten des Pariser Konservatoriums gegründet, besitzt dafür die besten Voraussetzungen, versteht man sich doch als variabel einsetzbare Gruppe, die ohne feste Hierarchien und Rollenverteilungen agiert. So spielt das Gründungsmitglied Alphonse Cemin kichernd wie die Hexe aus einem Märchenstück zu Beginn Stockhausens Klavierstück XIII auch klanglich als Spuk von unwirklicher Zartheit. Die Inszenierung des gesamten Abends stammt von Damien Bigourdan, der im "Donnerstag" noch als Tenor zu hören war, während der Dirigent Maxime Pascal in seiner eigentlichen Funktion nur in der dritten Szene, bei "Luzifers Tanz", in Erscheinung tritt.

Wobei dieses "nur" sehr relativ ist angesichts des riesigen Blasorchesters des Conservatoire à rayonnement régional de Paris, das Pascal im Konzertsaal der Cité de la musique zusammenhalten muss. Auf mehreren Ebenen bis unter die Decke gestaffelt, repräsentieren die jungen Musiker die gigantische Fratze Luzifers, der, mit beeindruckend rundem und vollem Bass gesungen von Damien Pass, hoch oben thront, während die einzelnen Orchestergruppen unten seine Augenlider, Wangen oder Kinn symbolisieren. Synchron dazu tanzt das Riesengesicht in auf das Orchester projizierten Videos mit einer Leichtigkeit, die etwas von Kinderzeichnungen an sich hat.

Mit ihrem Sounddesign und genau gewählten optischen Mitteln beziehen "Le Balcon", die ähnlich technikaffin sind wie der Elektronikpionier Stockhausen, den gesamten Raum des Konzertsaals ein. Die Musik entsteht unmittelbar aus der theatralen Aktion, weshalb sich die Wirkung von "Licht" in den bestehenden Aufnahmen nur unzureichend vermittelt.

Französische Eleganz hält Einzug bei Stockhausen, nimmt ihn leicht, aber nicht auf die leichte Schulter

So repräsentieren in "Kathinkas Gesang als Luzifers Requiem", der zweiten Szene des "Samstag", sechs Schlagzeuger im Dunkel des Ranges die sechs nacheinander schwindenden Sinne eines Sterbenden, während die Flötistin Claire Luquiens unten auf der Bühne die Seele mit ritualhaften Wiederholungen ins Jenseits geleitet. In der Pariser Inszenierung gehen die einzelnen Szenen wie magisch ineinander über. Französische Eleganz hält Einzug bei Stockhausen, sie nimmt die Neigung des Komponisten zur metaphysischen Allerklärung leicht, aber nicht auf die leichte Schulter.

Deutlicher als in anderen Teilen des Zyklus spielt der im Rheinland aufgewachsene Stockhausen im "Samstag" mit den Elementen seiner katholischen Erziehung, die er dabei zugleich konterkariert. Es brauche "Kontrageist und Unabhängigkeit", wer sich am Ende "in Harmonie zum Lichte wenden" wolle, singt Luzifer, was man durchaus als Überzeugung des Komponisten werten darf. Die Auferstehungsfeier findet statt, verwandelt sich aber zugleich in einen Hexensabbat, ist Gottesdienst ebenso wie Mummenschanz. Am Ende lassen die Choristen der französischen Armee auf dem Kirchenvorplatz die Seele Luzifers in Gestalt eines schwarzen Vogels in die Nachtluft fliegen und zertrümmern die vom Himmel gefallenen Kokosnüsse auf dem Pflaster, wie es der Komponist bei einem Ritual auf Sri Lanka erlebt hatte. Dann gibt es Kokosnuss für alle, Stockhausen lässt die Kommunion spenden.

Manche halten das für die Privatreligion eines Komponisten; es gibt, auch in Paris, andere, die wie in Trance die Hände öffnen, und es gibt solche, die über all das einfach grinsen. Dass sie alle irgendwie Recht haben, macht die Faszination eines Werks aus, an dem man auch nach dieser Aufführung eines kaum bestreiten kann: seine außergewöhnliche theatrale Kraft.