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Klassikkolumne:Wie im Traum

Diese Woche in der Klassikkolumne: Der Dirigent Marc Albrecht überzeugt mit einer Zemlinsky-Fantasie, der Geiger Vadim Gluzman glänzt mit Stücken von Peteris Vasks.

Von Julia Spinola

Einen nostalgischen Blick zurück in die Aufbruchzeit der musikalischen Moderne werfen die Kammermusiker Daishin Kashimoto (Violine), Emmanuel Pahud (Flöte), Paul Meyer (Klarinette), Zvi Plesser (Violoncello) und der Pianist Éric Le Sage. Unter dem Titel Vienne 1900 spinnen sie ein beziehungsreiches Programm, das von Alexander Zemlinskys Klarinettentrio von 1896 bis zum Adagio aus Alban Bergs zwölftönig komponiertem Kammerkonzert reicht. Berg selber hatte es 1935 für Violine, Klarinette und Klavier bearbeitet. Die Komponisten sind durch Lehrer-Schüler-Beziehungen miteinander verbunden: Zemlinsky war Erich Wolfgang Korngolds Lehrer, dessen frühreifes Klaviertrio (komponiert vom zwölfjährigen Wunderkind) sich hier in süßester Klangsinnlichkeit entfaltet. Er unterrichtete auch Arnold Schönberg, der mit Anton Weberns Kammer-Bearbeitung seiner 1909 entstandenen 1. Kammersymphonie vertreten ist. Keine Angst vor der Wiener Schule: das könnte als Motto über dieser Doppel-CD stehen. Feinsinnig, subtil und schönheitssüchtig wird auf hohem technischen Niveau musiziert, irritierend ist aber der Hang zu einem Weichzeichner, der Furor, Kühnheit und Ausdrucksernst der Werke verfehlt. (alpha)

Mit analytischem Gespür durchdringt dagegen der Dirigent Marc Albrecht die schillernden Orchesterwerke des deutsch-österreichischen Fin-de-Siècle. Für seine letzte CD seiner Pentatone-Reihe mit dem Netherlands Philharmonic Orchestra, das er zum Ende vergangener Spielzeit verließ, hat er Alexander Zemlinskys Fantasie für Orchester Die Seejungfrau nach einem Märchen von Hans Christian Andersen aufgenommen. Zemlinsky verwendet einzelne Motive, die sich dem Märchen zuordnen lassen, dennoch komponierte er ein durch und durch symphonisches Werk, mit labyrinthisch-verschlungenen motivischen Beziehungen und einer reichen Harmonik. Thematisch kreist diese Musik, wie fast alle seine Werke, vor allem um eines: um die schmerzliche Kluft zwischen Traum und Realität, von Kunst und Leben. Albrecht besitzt die Gabe, noch in den üppigsten spätromantischen Orchestermassen Partituren Transparenz, Licht und filigrane motivische Strukturen herauszuarbeiten. In Zemlinskys traumverhangenen Stimmungen findet er mit seinem Orchester genau die richtige Balance zwischen Dramatik, Schmelz und Klangsensualismus. (Pentatone)

Den Pianisten Sergei Babayan kennt man als Partner von Martha Argerich oder von Daniil Trifonov, dessen Lehrer er war. Gut zehn Jahre hat er sich Zeit gelassen mit der Veröffentlichung seiner bereits 2009 aufgenommenen Rachmaninow-Hommage, die jetzt als seine erste Solo-CD erscheint. Die individuell, nicht zyklisch zusammengestellte Folge pianistischer Miniaturen mit einzelnen Études-Tableaux, Préludes, Moments Musicaux und verschiedenen Liedtranskriptionen rückt er Rachmaninow als einen Meister intimer Stimmungen und zarter Farbwechsel ins Licht. Bei aller Virtuosität erteilt Babayans Spiel dem Klischee der spätromantisch auftrumpfenden Geste eine Absage. Noch den Gefühlsunruhen des ersten (Allegro agitato) oder des fünften (Appassionato) Stücks aus den Etudes Tableaux op. 39 begegnet dieser technisch brillante Pianist mit einer aufgewühlt sprechenden musikalischen Gestaltung, statt mit donnernder Pranke. Das klingt wie ein in sich brodelnder, eruptiver Ausbruch aus einem inneren Monolog. Zugleich kann sein Spiel sich wunderbar glitzernd in den impressionistisch ausgeleuchteten inneren Landschaften der langsamen Stücke verlieren. Alle Schönheit ist zugleich von tiefer Wehmut durchzogen, gemäß Rachmaninoffs Feststellung Musik sei die Schwester der Poesie, aber ihre Mutter sei die Trauer. (Deutsche Grammophon)

Der israelische Geiger Vadim Gluzman hat nicht nur eine makellose Technik, sondern auch einen durchdringend singenden Geigenton, wie man ihn aus der großen romantischen russischen Geigentradition eines David Oistrach kennt. Sein nuancenreiches Spiel, das sich von zartesten Flötentönen bis hin zur elektrisierenden Attacke wandeln kann, vor allem aber sein tiefer musikalischer Ernst verleihen der Musik des lettischen Komponisten Peteris Vasks eine brennende Intensität. Vasks suchte sich, ähnlich wie Arvo Pärt, seinen Weg jenseits der Schulen der westlichen Avantgarde. Seine Musik bleibt tonal und hat einen direkten, emotionalen Ausdruck. Allen Naivitäts- oder Esoterikverdacht fegt Gluzmans flammende Interpretation des Violinkonzerts Distant Light nach wenigen Takten hinweg. (BIS)

© SZ vom 18.08.2020

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