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Klassikkolumne:Wehe dem, der Musik nur durch Konzerte kennenlernt

Beethovens Violinkonzert auf dem Klavier, antike Klänge und weitere Überraschungen.

Von Reinhard J. Brembeck

In den vergangenen Seuchenmonaten ist das Wort "digital" zum Fetisch geworden. Wie ein Mantra wird es unaufhörlich gemurmelt, als könne es erstens das Virus besiegen und zudem zweitens die restlichen Probleme der Menschheit lösen. Auch in der Klassik. Aber dort ist digital schon gefühlte Jahrhunderte verbreitet, denn Aufnahmen werden schon seit langer Zeit digital und längst nicht mehr analog gemacht. Aufnahmen aber sind nicht erst seit der Seuche eine eigenständige (digitale) Kunstform. Das zeichnete sich schon vor 160 Jahren ab, als der Phonografenpionier Édouard-Léon Scott de Martinville eine erste Tonaufnahme machte.

Wehe dem, der klassische Musik nur durch Konzerte kennenlernt. Er wird erstens verarmen (Konzerte sind ein teurer Spaß) und zweitens nur ganz wenige Stücke kennen lernen. Weil im Klassikkonzertmarkt eisern kapitalistische Gesetze gelten und deshalb nur sehr wenig Unterschiedliches gespielt wird. Am besten ist deshalb der Musikfreund dran, der selber singt und musiziert; am zweitbesten der, der Aufnahmen hört. Das ist zwar wie Masturbieren ein recht einsames Geschäft, es bietet aber immer wieder überraschende Begegnungen.

Der Jubilar Ludwig van Beethoven hat sein einziges Geigenkonzert auch als Klavierkonzert publiziert, diese zu Lebzeiten nicht aufgeführte Fassung hat sich allerdings nie richtig durchgesetzt. Weil sie eine Verlegenheitslösung ist? Nein, sagt der Pianist Javier Negrín, der diese Fassung im Rhythmus federnd, elegant, mit schlankem Ton und immer leicht vorantreibend eingespielt hat. Sein Dirigent Thomas Rösner hat davor zwei Überraschungen gepackt, Beethovens Gesangsterzett "Tremate" und Wolfgang Mozarts orchesterbegleitetes Sopran-Klavier-Duo "Ch'io mi scordi di te". Das Ganze ist eine verblüffende Kombination, die unter dem Titel "Voices" (Odradek) firmiert und genau das liefert, was sie verspricht: Klavierklang gewordene Vokallinien.

Noch verblüffender ist die Klangexpedition von Conrad Steinmann ins alte Griechenland. Auf "Choros" (Solo Musica) bietet der gelernte Blöckflötenspieler Steinmann mit seinem Ensemble Melpomen eine spannende Annäherung an die fast völlig verlorene Chormusik der Antike. Er hat Gesangsstücke aus dem "Oidipous" des Sophokles (Vatermord, Mutterbeischlaf, Selbstblendung) sowie Lyrik von Sappho, Alkman, Archilochos, Anakreon vertont. Dafür haben er und seine Truppe die musiktheoretischen Schriften der Antike studiert und die aus Darstellungen auf Vasen bekannten Instrumente nachgebaut: Kithara und Barbitos, Rhombos, Kymbala, Seistron, Aulos . . . Angeführt von der Vorsängerin Arianna Savall entsteht so eine auf fast alles Verstörende verzichtende Melange aus Mittelalter, Carl Orff, Folklore, Esoterik und Fremdheit.

Thomas Adès, Jahrgang 1971, ist einer der erfolgreichen Gegenwartskomponisten. Er komponiert in englischer Manier die Tradition weiter und führt seine Musik regelmäßig als Dirigent und Pianist auf. Für "In Seven Days" (Myrios Classics) hat er sich mit dem Pianisten Kirill Gerstein zusammengetan, der das titelgebende Klavierkonzert spielt: ein Siebensätzer, der die Schöpfungstage nachzeichnet, vom anfänglichen Chaos bis zum kontemplativen siebten Sonn- und Ruhetag. Adès kann verspielt tändeln, impressionistisch zaubern, drohend grummeln, folkloristisch locken, virtuos toben. Aber immer bringt er all diese auseinanderstrebenden Momente stimmig in handfesten Träumereien zusammen.

Wer sich einmal nur die definitiv von Mozart für sein Requiem komponierten Noten anschaut, der erschrickt. Das ist tatsächlich nur ein Fragment. Meist sind nur die Gesangsstimmen ausgeführt, dazu der Bass, Einleitungen und Zwischenspiele. Aufs Ende zu ist da gar nichts mehr da. Kein Wunder, dass die Vollendung durch Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr sehr häufig gespielt wird. Kein Wunder auch, dass dessen nicht immer geglückte Version samt ihren hörbar schwächeren Passagen immer wieder Neufassungen provoziert. So jetzt auch diejenige von Michael Ostrzyga (Coviello Classics). Bei solchen Neufassungen und auch hier stellt sich sehr schnell der immer gleiche Effekt ein: Mozarts Musik dominiert und lässt die fremden Zutaten verschwinden. Zumal sich Ostrzyga auch deutlich an Süßmayrs Version orientiert, und Chorwerk Ruhr und Concerto Köln unter Florian Helgath eine fast romantisch konservative, gleichwohl bewegend innige Deutung liefern.

© SZ vom 07.07.2020

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