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Klassikkolumne:Rauschhaftes und Raues

Scarlatti-Sonaten mit Lucas Debargue, eine kämpferische Aufnahme der Violinkonzerte von Beethoven und Sibelius, ein etwas halbherziges Brahms-Requiem und Mariss Jansons' brillanter Mahler.

Lucas Debargue gilt als großer Unkonventioneller unter den Nachwuchspianisten. Das Klavierspielen hat er sich angeblich im Alter von elf Jahren selbst beigebracht, um es vier Jahre später aufzugeben, als Zwanzigjähriger wieder aufzunehmen und vier Jahre darauf die Jury des Tschaikowsky-Wettbewerbs spektakulär zu spalten. Wieviel Legende in dieser Biografie auch stecken mag, sicher scheint, dass Debargue mit rauschhafter Intensität arbeitet und sich in kürzester Zeit ein Repertoire aneignen kann. Die 52 Sonaten von Domenico Scarlatti hat er sich für sein neues Album innerhalb von einer Woche einverleibt und in nur fünf Tagen aufgenommen (Sony). Er spielt sie auf einem Bösendorfer-Flügel, fast durchgängig ohne Pedal. Den mit sparsamsten Mitteln realisierten Erfindungsreichtum dieser Musik mit ihren überraschenden Wendungen, jähen Dur-Moll-Wechseln und motivischen Vexierspielen entdeckt Debargue mit großer Spontaneität, rhythmischer Pointiertheit und relativ freier Tempogestaltung, ohne die Miniaturen doch manieriert zu verzerren. Das hat oft viel Charme, etwa im spanischen Kolorit der Sonate K 242. Der gelegentlich gezogene Vergleich zu den Scarlatti-Interpretationen von Vladimir Horowitz scheint allerdings doch deutlich zu hoch gegriffen. Hierfür fehlt es Debargue nicht nur an Brillanz und Technik, sondern auch am Reichtum pianistischer Farben.

Ungewohnt rau, kämpferisch und direkt klingt Beethovens Violinkonzert in der neuen Einspielung von Christian Tetzlaff und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Robin Ticciat. Die Künstler interpretieren das Werk als radikale Ausdrucksmusik voller Kämpfe und Katastrophen im Kopfsatz, voll insistierender, aber ungeglätteter Zartheit im Larghetto und aufsässig derb im bis zur Trunkenheit überdrehten Finalsatz (ondine). Wie schon in seinen früheren Aufnahmen des Konzerts spielt Tetzlaff auch hier die originalen, ursprünglich für die Klaviereinrichtung komponierten Kadenzen Beethovens. Ebenfalls aufsehenerregend gelingt Tetzlaff und Ticciati ihre abgründige, hochdramatische Interpretation des Violinkonzerts von Jean Sibelius. Der dunkle, leicht ungeschliffene, geräuschhafte Klang des DSO klingt im Beethoven-Konzert gelegentlich zu wuchtig und dick. Der Musik von Sibelius verleiht er dagegen etwas Urwüchsiges, eine archaische Naturnähe, zumal man hier auch zahlreiche Instrumentalfarben heraushört, die man so in diesem Konzert noch nicht wahrgenommen hat.

Einen leichten, transparenten Klang hat Daniel Harding mit dem Schwedischen Radio-Sinfonieorchester und -Radiochor für das "Deutsche Requiem" von Brahms gewählt. Die Klarheit des vibratolosen, an der historischen Aufführungspraxis orientierten Spiels wird jedoch durch den halligen Charakter der Aufnahme (harmonia mundi) wieder getrübt. Harding fasst das Requiem konsequent als Meditation über die letzten Dinge, als nach innen gewandte Selbstvergewisserung auf. Doch so vielversprechend es zunächst erscheint, es nicht im Sinne einer auftrumpfenden Erlösungsgewissheit zu deuten, so halbherzig wird dieser Ansatz umgesetzt. Denn statt die Reibungen und Schärfen dieser zwischen Hoffnung, Trost und Verzweiflung hin- und hergerissenen Musik hörbar zu machen, strömt sie recht kontrastarm in sehr gedehnten Tempi dahin, ohne je wirklich unter die Haut zu gehen. Zum Eindruck einer etwas blutleeren Interpretation trägt auch der wenig prägnant singende Chor bei. Die sonst großartige Sopranistin Christine Karg gelangt hier kaum über einen makellos reinen Schöngesang hinaus. Einzig dem famosen Matthias Goerne gelingt es, auch die Abgründe dieser Musik mit seiner liedhaften Baritonstimme auszuleuchten.

Mariss Jansons dagegen kann man sicher kein mangelndes dirigentisches Temperament unterstellen. In seiner ausdrucksprallen Interpretation der 1. Symphonie von Gustav Mahler mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR Klassik) verzichtet Jansons darauf, bei Mahler immer nur den vielbeschworenen "doppelten Boden" zu suchen und ihn gleichsam in Anführungszeichen zu dirigieren. Er hat die Dramaturgie der Symphonie klar im Blick, lässt die Szenerien der einzelnen Sätze mit beinahe filmischer Suggestionskraft anschaulich werden und feilt zugleich akribisch am Detail. Das Münchner Orchester spielt präzise und beseelt bis in den kleinsten Bläsertriller hinein, dabei so transparent, dass instrumentale Details noch in den dichtesten Klangballungen hörbar sind.