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Klassikkolumne:Perfektion des Klangs

Die Compagnia di Punto hat Beethovens Dritte im Arrangement für nur neun Instrumente eingespielt - das klingt aufregend und neu.

Unvergessen, damals in den Achtzigern: Beim Musikfestival in Bratislava gastieren die Symphoniker aus Olomouc, dem tschechischen Olmütz, und spielen Beethovens Siebte. Gustav Mahler war mal ihr blutjunger Kapellmeister. Musiker aus der tschechischen Provinz - Philharmonikerbrillanz in Berlin, Wien, London oder New York in Ehren - erkämpfen sich Beethoven: tapfer, rau, authentisch, spannend. Ist die Hochleistung der Spitzenklangkörper wirklich essenziell, hieß und heißt die Frage.

Auch Beethovens Dritte scheint die Perfektion des Klangs nicht zu brauchen, damit die große Sinfonia eroica, bei der Truppe Compagnia di Punto, aufregend genug und wie neu erscheint - nämlich im Arrangement für nur neun Instrumente, erstellt 1818 von Beethovens Zeitgenossen Carl Friedrich Ebers. Der Meister war, medial und finanziell interessiert, durchaus ein Freund der Bearbeitung sogar seiner Symphonien, vorausgesetzt seine peniblen Spielanweisungen stimmten in Dynamik und Artikulation mit der Originalnotation überein. Zwei Violinen, eine Bratsche und Flöte sowie je zwei Klarinetten und Hörner plus Kontrabass müssen genügen. Die Stimmen der Blasinstrumente sind präsent, der revolutionäre Elan der Symphonie kann auftrumpfen: ihre Expansivität im Allegro-Kopfsatz und dem fahlen Trauermarsch, im vibrierenden Scherzo und Finalsatz. Geistesgegenwart und Vitalität von neun phantastisch motivierten Spielern reißen den Hörer hinein in die symphonische Kammer(gebrauchs)musik von einst, erste und zweite Symphonie inbegriffen. Heute: ein rares Beethoven-Experiment. (deutsche harmonia mundi)

Dass ein Ensemble wie das beschwingte Freiburger Barockorchester unter Pablo Heras-Casado Beethovens majestätisch aufkreuzendes fünftes Klavierkonzert in Es-Dur spielt, kann in der Epoche fortgeschrittener "Historisch informierter Aufführungspraxis" kaum mehr überraschen. Und der Solist heißt Kristian Bezuidenhout, der auf der Kopie eines Fortepianos von 1824 aus der Werkstatt Conrad Grafs musiziert und somit seine intime Kunst der Verschlankung und Klangtransparenz ausüben kann. Es gelingt ihm, das imperiale Konzert aus Beethovens Geist der Improvisation zu beflügeln, mit einer Leichtigkeit des Passagenwerks und der Eleganz im Rubatospiel, wo alle gewohnten spätromantischen Klangirrtümer ausgeschaltet sind. Erst recht im B-Dur-Konzert Op. 19: reichhaltige Dynamisierung und Artikulation, scharfe Akzente, rasche, nie widersinnig rasende Tempi. Der stürmische junge Beethoven muss einfach mitreißen. (harmonia mundi)

Ohne jedes Breitwandpathos kommt Beethovens einziges Violinkonzert aus, wenn es von einem Ensemble wie der Cappella Aquileia unter ihrem Dirigenten Marcus Bosch ausgearbeitet wird. Wenn die Sologeigerin Lena Neudauer sich in die konzertante Handlung symphonisch einbinden lässt anstatt mit solistischer Kunstfertigkeit Glanz entfalten zu wollen. Die aus München stammende Violinistin, Schülerin auch von Thomas Zehetmair, überhöht das legendäre Konzert mit Esprit und geigerischer Lust am Zusammenspiel, ohne dem Solopart agilen Zugriff und Geist schuldig zu bleiben. Großartig ihre Solokadenz im Kopfsatz, bei der Neudauer sich der mit der Paukenstimme verbündeten Beethovenkadenz zur Klavierversion des Konzert bedient. Schönes lyrisches Understatement im Larghetto, tänzerisch pointiert das finale Rondo. Das kammersinfonische Orchester der Opernfestspiele Heidenheim, mit Musikern aus ganz Deutschland, erschafft unter Marcus Bosch eine sehr begehbare Klanglandschaft. (cpo)

Nicht um die hohe Kunst internationaler Spitzenorchester, wie sie das Lucerne Festival stets präsentiert, geht es bei einem symphonischen Parcours Sergej Rachmaninows, sondern um das lokale, im recht gemütlichen Opernhaus tätige Luzerner Symphonieorchester. Sein Chefdirigent, der US-Amerikaner James Gaffigan, macht mit Enthusiasmus aus der dritten Symphonie in a-Moll, die Leopold Stokowski 1936 in Philadelphia uraufgeführt hat, ein kraftvolles Statement für Rachmaninows künstlerische Charakter- und Ausdrucksstärke - gleichzeitig gegen die lange in Europa verbreitete Karikatur des russisch-amerikanischen "Salonromantikers". Komponiert hat Rachmaninow die Symphonie nahe Luzern, in seiner Villa am Vierwaldstättersee. Auf seinem originalen Steinway spielt Behzod Abduraimov enorm gelenkig Rachmaninows atemlose Paganini-Rhapsodie. Ein Dokument. (Sony)

© SZ vom 03.03.2020
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