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Neue Klassik-CDs:Klassikkolumne

Neue Aufnahmen mit Violinwerken von Niccolò Paganini und Péter Eötvös, Musik von Komponistinnen sowie Meistern der Filmmusik.

Von Harald Eggebrecht

Wie vertreibt man sich als Geiger am besten die Pandemiezeit, wenn man nicht auftreten darf und nicht im reinen Trainingsmodus versauern möchte? Nun, die einen wenden sich dem Studium des "Alten Testaments" aller Violinliteratur zu, das heißt den Solosonaten und -partiten von Johann Sebastian Bach. Manch andere aber nimmt sich das "Neue Testament" vor, das ist das Konvolut der 24 Capricci von Niccolò Paganini, für das man wirklich Zeit, Geduld und ungestörte experimentelle Lust auf avancierteste Geigerei braucht.

Alina Ibragimova, Jahrgang 1985, hoch versierte Virtuosin in den verschiedensten Epochenstilen von historisch informierter Aufführungspraxis bis zur Auseinandersetzung mit neuesten Violinkompositionen, hat sich also ins Labyrinth der Paganini'schen Extremfantasien gewagt, einen eigenen Zugang zu diesen 24 Charakterstücken erarbeitet und auf zwei CDs eingespielt. Ibragimovas stets leichtes, luftig klingendes Spiel ist fern aller Kraft- und Showgeigerei, sodass "ihr" Paganini gleichsam nie vordergründig posiert oder banal mit leerer Technik protzt. Vielmehr entsteht so etwas wie Intimität zwischen der Spielerin und ihrem Instrument im Geiste des Ausreizens, Zuspitzens, Pointierens und präzise Konturierens. Da hilft Ibragimovas Erfahrung mit alter Musik ebenso wie ihr souveräner Umgang mit neuesten Kreationen. Sie bietet daher nicht nur die immer Staunen erregende Hochseilartistik, sondern auch jene Revolution , die Robert Schumann mit seinem Satz "Paganini - das ist der Wendepunkt der Virtuosität" umriss, nämlich die Entdeckung des je spezifischen Intrumentalklangs. Die Unverwechselbarkeit dessen, was das Wesen der Geige als einzigartigem Klangereignis ausmacht in allen Facetten, das hat Paganini exemplarisch entfaltet. Alina Ibragimova verdeutlicht das so leichtfüßig wie unmissverständlich. (Hyperion)

Ohne Paganini und seine Erforschung des Violinklangs in nahezu alle Richtungen wäre auch ein Stück wie das dritte Violinkonzert von Péter Eötvös nicht denkbar. Dieses rund 25-minütige Werk in einem Satz wurde unter anderem vom glänzenden spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado in Auftrag gegeben und ist ihm und der grandiosen Solistin gewidmet: Isabelle Faust. "Alhambra" hat Eötvös das Konzert genannt, und es wirkt wie eine Art musikalisch-assoziative Wanderung durch dieses Weltwunder der Architektur. Zugleich wird es eine raffinierte Auseinandersetzung mit arabischen und spanischen Musikmustern. Isabelle Faust spielt das so selbstverständlich und hellwach, so gespannt und dabei geistvoll unterhaltsam, wie man sich nur denken kann. Der besondere Witz dieser im besten Sinne eklektischen Musik besteht darin, dass der Violine hartnäckig eine Mandoline folgt. Das Orchestre de Paris gibt dabei nicht einfach den Begleiter, sondern die Geige ist bei diesem Gang durch die Alhambra eingewoben, begegnet dem Orchester, entfernt sich manchmal von ihm, um gewissermaßen allein zu sein. Aber den Mandolinenschatten wird sie nie los. All das mit Humor und Charme herauszubringen, gelingt dem Dirigenten, der Solistin und dem Orchester überzeugend. (Harmonia mundi)

Es ist noch nicht lange her, da galt der Sinn fürs Komponieren als natürliches männliches Privileg, ähnlich der Fähigkeit zu dirigieren. Komponistinnen waren im üblichen Kanon so gut wie nicht vorgesehen. Das ändert sich allmählich. Clara Schumann oder Fanny Hensel, Rebecca Clarke oder Edith Sitwell gehören schon zu den bekannten Tonsetzerinnen, moderne Komponistinnen von Sofia Gubaidulina, Olga Neuwirth bis zu Rebecca Saunders werden viel gespielt, verehrt und preisgekrönt. Die Geigerin Louise Chisson und ihre Klavierpartnerin Tamara Atschiba haben eine höchst abwechslungsreiche CD aufgenommen mit Werken von vier Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Es beginnt mit zwei Stücken der impressionistisch versonnenen Lili Boulanger (1893 - 1918) , der Schwester der berühmten Kompositionslehrerin Nadia, setzt sich fort über die impulsive, sich manchmal geradezu rauschhaft aufschwingende 4. Violinsonate der vielseitigen Polin Grażyna Bacewicz (1909 - 1969) und weiter zur knorrig-knochigen Aussparungsmusik der großen Russin Galina Ustwolskaja (1919 - 2006) in ihrer einzigen Violinsonate und endet bei der Amerikanerin Jennifer Higdon, Jahrgang 1962, mit ihren fünf "String Poetic"-Stücken. Chisson und Atschiba entfalten die sehr unterschiedlichen Temperamente, die sich in diesen Musiken der vier Komponistinnen zeigen, so eindringlich wie bedachtsam. (Hänssler Classic)

Dass Filmmusik keine gering zu schätzende Spielart des Komponierens, sondern eine höchst eigenwillige, dabei spezialisierte Kunstform ist, zeigt die Phalanx großer Meister: ob Erich Wolfgang Korngold, Franz Waxman, Dimitri Tiomkin oder Sergei Prokofjew, ob Arthur Honegger, Toru Takemitsu oder Ennio Morricone, ihre Musik macht die Filme, für die sie schrieben, zu Gesamtkunstwerken. Das gilt auch für Miklós Rózsa (1907 - 1995) und Bernard Herrmann (1911 - 1975), der allein 16 Hitchcock-Filmen ihre je einmalige Atmosphäre gab. Dass Rózsa und Herrmann auch sonst anspruchsvolle und attraktive Musik geschrieben haben, belegt eine CD mit dem Ensemble Merian, das sich aus Musikern des Atlanta Symphony Orchestra zusammensetzt. Rózsas 1. Streichquartett und sein 1. Streichtrio können ihre Herkunft aus dem Ungarischen und dem Bartók- und Kodály-Umfeld nicht verhehlen, Herrmanns "Echoes for String Quartet" knüpft melancholisch an manche seiner Filmmusiken an. Es sind auf jeden Fall lohnende Entdeckungen, die die Merian-Leute souverän ins richtige Licht setzen. (Brilliant Classics)

© SZ/Rich
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