Klassikkolumne:Wie Traumwandler

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Neues vom Klassik-CD-Markt: Immer wieder Beethoven und Brahms, aber auch Unbekanntes von Schubert, Bach-Arrangements für Blockflöte und Neues von Marc Andre.

Von Wolfgang Schreiber

Im Nachleben der Werke großer Komponisten geht's schief und einseitig zu. Ludwig van Beethovens Fünfte wird immerfort bewundert und unbeirrt aufgeführt. Seine wilde Kriegsmusik zu "Wellingtons Sieg" aber gilt als Gelegenheitsnummer zum Fremdschämen. Dabei sind die unbeugsamen Hauptwerke selbst meist in der musikalischen Zweideutigkeit angesiedelt: Instabiler Klanghorizont und Deutungsoffenheit widersprechen jedem "Besitzdenken".

Zum Beispiel die beiden berühmten Brahms-Klavierkonzerte, die der norddeutsche Komponist angeblich in den symphonischen Klangpanzer schwerer Spätromantik eingesperrt hat. Dass das nicht stimmt, kann der ungarische Pianist András Schiff auf faszinierende Weise bestätigen. Schiff hat recht, wenn er die Brahms-Musik als "durchsichtig, feinfühlig, dynamisch äußerst differenziert und schattiert" beschreibt, sie sei eben "nicht schwerfällig, grob, dick und laut". Um sie dergestalt leuchten zu lassen, hat Schiff sich den passenden Partner gesucht, das britische Orchestra of the Age of Enlightenment, den Hort historischer Aufklärung vom "richtigen" Musizieren: Die Streicher spielen vibratoarm mit Darmsaiten, die Bläser vollbringen einen farbig persönlichen Klang. Vor allem: Schiff spielt nicht auf einem stahlbrillanten Steinway, vielmehr auf dem obertonreichen Leipziger Blüthner-Flügel von circa 1860. Transparenz durch "Entschlackung", so der Gewinn. Musikautor Peter Gülke erklärt dazu tiefschürfend die Statur der beiden so unterschiedlich strengen bis eleganten Brahms-Konzerte (ECM).

Beethovens Opus 91 gehört nicht zu seinen ewig strahlenden Schöpfungen, und doch war "Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria" damals in Wien umjubelt. Politische Musik par excellence, theatralische Tonfeier des Triumphs vom 21. Juni 1813, den der Duke of Wellington über Napoleons Armee im spanischen Vitoria errungen hatte. Europa feierte. Wie abgebrüht Beethoven das 15-Minuten-Stück gebaut, souverän die Akzente in der Abfolge von Trompetensignalen, Trommelwirbeln, Marschmusik und finalem "God Save the King" gesetzt hat, nötigt bis heute Bewunderung ab. Die Cappella Aquileia zeigt dann mit Beethovens Egmont-Musik und drei Ouvertüren, wie prägnant und aufführungshistorisch wach das Orchester unter Marcus Bosch inzwischen musiziert (cpo).

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Ein Blick auf das tragisch kurze, reiche Erdenleben des Franz Schubert mag Weh- und Demut erzeugen. Wer den Abschluss des Schubert-Zyklus' hört, den das Kammerorchester Basel unter seinem Dirigenten Heinz Holliger durchmessen hat, vernimmt den geheimnisvollen Symphoniesatz eines Andante in h-Moll. Der Komponist hatte ihn bis kurz vor seinem Tod 1828 noch in Arbeit, das Fragment wollte der Schweizer Komponist Roland Moser sensibel restaurieren - eine Rätselbotschaft Richtung Mahler. Ebenso mysteriös der Titel "Franz Schuberts Begräbniß-Feyer", die beklemmende Musik für Bläser des erst 16-Jährigen, seine künftige Welt ahnend. Mosers Musik "Echoraum" vertieft das. Deutsche Tänze in Anton Weberns verinnerlichter Bearbeitung besiegeln die grandiose Schubert-Entdeckung (Sony).

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"Woher ... Wohin" heißt, verdächtig Schubert-nah, ein Orchesterstück des in Deutschland lebenden französischen Komponisten Mark Andre, uraufgeführt in der "Musica viva"-Reihe des BR-Symphonieorchesters unter Matthias Pintscher. Es erklingt eine existenziell fragende, philosophische, zerrissen stockende und darum unvermutet spannende Musik, in Echoräumen an der Hörgrenze beheimatet. Mark Andre geht es, sagt er, um "Klang-Aktions-Zeit-Typen innerhalb verschiedener Prozesse des Entschwindens". Davon erzählt dann auch sein Münchner Orgelstück "Himmelfahrt" (Stephan Heuberger), ebenso das vom Arditti Quartet gespielte, gedämpft huschende Streichquartett "Miniaturen". Frappant, wie schön die Musik des Schülers von Gérard Grisey in Paris und Helmut Lachenmann in Stuttgart sich in zwei Schlüsselbegriffen spiegeln kann: Resonanz und Atem. Sie umfassen "das innere Erleben und Entstehen der Klänge" (BR Klassik).

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"Zwei noble intime Instrumente der barocken Kammermusik ... treten miteinander in Dialog", schreibt, sachlich zurückhaltend, die große Blockflötenmeisterin Dorothee Oberlinger über ihr Musizieren und das des bosnischen Lautenisten Edin Karamazov. Wie sie exquisit die Musik Johann Sebastian Bachs präsentieren, lässt jede Zurückhaltung oder Scheu hinter sich. Und die Tatsache, dass es sich bei den Konzerten, Sonaten und Suiten in dieser Besetzung nicht um Originalwerke Bachs handelt, sondern um Bearbeitungen, öffnet ihr Spiel der freien historischen Fantasie. Was ist mehr zu bewundern, die virtuose Angriffslust in raschen Sätzen oder die lyrische Geistes- und Versenkungskraft in der Ruhe der Bach-Kunst? Das darin traumwandlerische Zusammenspiel von Oberlinger und Karamazov beschwingt unweigerlich das Hören (Deutsche Harmonia Mundi).

© SZ/khil
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Für Musiker ist Beethoven immer aktuell und herausfordernd. Aber manchmal darf es dann auch Neueres sein, von Gerald Resch oder Erkki-Sven Tüür.

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