Süddeutsche Zeitung

Klassikkolumne:Mirakel

In Deutschland ist Agnelle Bundervoët so gut wie unbekannt. Doch die 1922 geborene Pianistin ist ein Phänomen, das ihr Instrument, das Klavier, sofort vergessen und immer nur Musik macht. Wie auch der Komponist Nicolaus A. Huber.

Von WOLFGANG SCHREIBER

Der musikalische Mensch liebt die Geselligkeit, die Party der Klänge, und sei's mit Abstand und Maske. Musikhören im Konzert ist Teamarbeit des Erlebens. Selbst Musiker fliehen aus der virtuosen Isolation in die gesprächige Kammermusik. Und Plattenproduzenten tun Ähnliches: Sie erforschen Ideen, häufen Inhalte und Stilepochen, schaffen zyklische Gemengelagen.

Genau so macht es das großartige Ensemble Capella de la Torre mit dem Leitgedanken einer Earth Music. Ihre Leiterin, die Schalmeispielerin Katharina Bäuml, schnürt ein Paket barocker "Geschichten von Silber, Gold und unterirdischen Geheimnissen". Eine glanzvolle Sammlung mit Musiken des 16. und 17. Jahrhunderts, von ihrer Truppe aus acht Sängern aus dem Rias-Kammerchor und 18 Spielern mit historischen Instrumenten ausgebreitet. Statt bunt gewürfelt mehr konzeptionell ausgeklügelt: Die Motetten, Hymnen und mehrstimmigen Lieder reißen mit, je zwei Posaunen, Dulzians, Theorben plus Blockflöte mit Perkussion füllen mit zauberischer Transparenz die Sätze der Großmeister Francesco Cavalli, Giovanni Gabrieli oder William Byrd, Melchior Franck oder Heinrich Schütz. Das Finale einer "ideengeschichtlichen Serie" (Bäuml): Die Musik der Erde wird zum Klangplädoyer für den Klimaschutz, gegen die Zerstörung der Welt (deutsche harmonia mundi).

Wie verabschiedete sich ein großer Komponist von der Kammermusik? Mit zwei Klarinettensonaten. So schickt Johannes Brahms zwei sehr ungleiche Instrumente, Klavier und Klarinette, in schöne, herbe, komplizierte Zwiegespräche. Pianist András Schiff gelingt es, mit dem jüngeren Bläserpartner Jörg Widmann das reich verzwickte, melodisch-rhythmische Beziehungsgeflecht nach allen Regeln der "entwickelnden Variation" (Schönberg) dem Hörer mehr als nur plausibel zu machen. Schiffs achtsam gereifte Brahms-Erfahrung und die Flexibilität Widmanns in Intonation und Phrasierung gehen eine traumwandlerische Symbiose ein - austariert zwischen dramatischem Kontrastverlangen und der Lust nach lyrischer Verschmelzung. Als "Zugabe", zwischen den Sonaten, spielt Schiff noch die fünf Intermezzi, die Widmann schon 2010 für ihn komponiert hat, eigenwillige Muster einer emotional verästelten Brahms-Erinnerung - in der expressionistischen Nummer drei "mit dunkler Glut" (ECM).

Kammermusik mit Trommeln und Marimbas: Von der "Luxuswelt des Schlagzeugs" spricht der aus Passau stammende, in Essen lebende Komponist Nicolaus A. Huber, der Luigi Nonos Schüler in Venedig war und mit seiner experimentellen Musik die politische Zeitgenossenschaft in Ohr und Blick behielt. Hubers fünf Percussion Pieces lassen hören, was einer, der seine Kompositions- und Klangmodelle mit Begriffen aus der Quantentheorie verbindet, sich alles ausdenken kann, um seine Zuhörer zu fesseln. Das Stück für zwei Schlagzeuger nennt Huber "Fingercapriccio", weil vier Hände auf zwei Bongo-Paaren gelenkige Klang- und Dynamikzauberei entstehen lassen. Johannes Fischer und Domenico Melchiorre heißen die Virtuosen. In "Erosfragmente" erzeugt ein Schlagzeuger mit Fingern, Schlägeln und Bassbogen an 18 Klangschalen lauter Obertonspektren. Lauschen, wie sirrende Klänge und Tonkaskaden allmählich ausfransen und verstummen, trainiert das Wahrnehmungsvermögen (neos).

Bei allem Kammermusizieren - die Faszination des Virtuosen ist und bleibt unwiderstehlich. Doch musikalischer Ruhm würde verblassen ohne die Archive, die Tonaufnahmen gespeichert haben. Agnelle Bundervoët heißt die französische Pianistin, deren Name in Deutschland nur wenige kennen. Von ihrer Kunst zeugt ein Doppel-Album, das Beachtung verdient. Die 1922 geborene Pianistin begann als Wunderkind, überzeugte rasch durch ihre Energie und analytische Intelligenz am Klavier, im Gesang, an der Orgel. Ihre Mono-Aufnahmen, im Klang enorm präsent, wohnzimmernah, stammen aus den fünfziger Jahren. Mit Franz Liszts "Au bord d'une source" verblüfft die Pianistin durch die Eleganz der abgestuften Klangbewegung, Vielfalt an Eloquenz. Vor allem: Ohne Pedalisierung erzielt sie eine mirakulöse Clarté. Davon profitieren Brahms' Händel-Variationen, die in ihrem Figurenreichtum so ungestüm-ehrlich ausformuliert selten zu hören sind. Robert Schumanns Fantasiestücke op. 12 fesseln durch Agnelle Bundervoëts Fähigkeit, dem romantischen Traumpotential dieser Musik Plastizität zu verleihen (Decca).

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SZ vom 29.09.2020
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