Klassikkolumne:Am Ende der Zeit

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Klassikkolumne: Gidon Kremer war zeit seines Lebens neugierig, hat immer wieder unbekannte und vergessene Komponisten entdeckt. Sein einiger Zeit gehört seine Aufmerksamkeit Mieczyslaw Weinberg, der dank Kremers Einsatz zunehmend gespielt wird.

Gidon Kremer war zeit seines Lebens neugierig, hat immer wieder unbekannte und vergessene Komponisten entdeckt. Sein einiger Zeit gehört seine Aufmerksamkeit Mieczyslaw Weinberg, der dank Kremers Einsatz zunehmend gespielt wird.

(Foto: imago/Itar-Tass)

Die schönsten Neuaufnahmen auf dem Klassikmarkt: Geigensonaten von Mieczyslaw Weinberg und Heiliges aus der Renaissance und von Giuseppe Verdi, Quartette von Olivier Messiaen und Valentin Silvestrov.

Von Wolfgang Schreiber

Musikkonserven haben, auch im Klassik-Reservat, ihr Doppelleben. Sie sind Erinnerungsbelege "realen" Musizierens. Und zugleich Zeugnisse historischer Umstände, künstlerischer Ideen oder Interessen, sozialer Situationen. Beispielsweise das "Quatuor pour la fin du temps" von Olivier Messiaen. Derzeit öfters eingespielt, steht es für die grausige Jetztzeit, die "Zeitenwende", der Titel sagt alles. Vier berühmte Instrumentalisten mit Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier garantieren zwar noch keine gültige Darbietung. Doch wie Martin Fröst, Janine Jansen, Torleif Thedéen und Lucas Debargue das Endzeit-Quartett erleben und musizieren, das übersteigt an Tiefensicht die Kategorien Schönheit oder Brillanz. Messiaens Musik ist für sie Entgrenzung - der Komponist hat dazu den Engel der Apokalypse des Johannes herbeigerufen: "Es wird keine Zeit mehr geben." Ob die acht Satz-Visionen des Quartetts uns noch so stark erschüttern wie die Zuhörer der Uraufführung im Januar 1941, im Gefangenenlager nahe der Stadt Görlitz? Dorthin hatte es den gläubigen Katholiken, Organisten Messiaen aus dem von Deutschen besetzten Paris verschlagen, dort schrieb der Internierte sein Quatuor und führte es in der Baracke Stalag VIII A auf, als Pianist mit drei Lagerinsassen. Die in gleißende Klangfarben getauchten Schattenbilder "verkünden" Lobpreisungen Gottes und der Unsterblichkeit, sie lassen Vogelstimmen, den Regenbogen und die Feuersäule funkeln, Melancholie und Trauer (Sony).

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(Foto: Sony Music)

"Monument für die wenig bekannte grandiose Solo-Literatur des 20. Jahrhunderts" nennt Gidon Kremer, Retter der musikalisch Verschollenen, seine Aufnahme der drei Sonaten für Violine solo des 1919 geborenen Polen Mieczyslaw Weinberg. Die Nazi-Deutschen hatten ihn vertrieben, Dmitri Schostakowitsch bot ihm in Moskau seine Brüderlichkeit an. Weinbergs bildersatte Musik wird zu Unrecht nur lückenhaft aufgeführt. Kremer, jetzt fünfundsiebzig, kann die raschen gelenkigen Gesten der zweiten Sonate (1967) filigran sehr ernst nehmen. Und die mehr klassische erste Sonate kämpferisch durchmessen. Die dritte einsätzige Sonate (1964), gegeigt im Wissen um starke Gedanken und Formen, zeigt den Überlebenswillen eines Komponisten, der 1996 spurlos in Moskau starb und jetzt im Westen endlich entdeckt wurde (ECM).

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(Foto: ECM Records)

Matangi, Sanskrit-Name aus indischer Mythologie, nennt sich glückverheißend ein Streichquartett aus Holland. Die Vierergruppe versammelt unter dem Motto Outcast drei Komponisten, die als "Außenseiter" oder "Ausgestoßene" zweier Nationen Osteuropas künstlerisch, politisch heute große Resonanz finden. Alfred Schnittkes drittes Quartett fordert "polystilistische", an Beethoven angelehnte Trauerarbeit. Dmitri Schostakowitschs achtes Quartett, in tragisch emotionaler Wucht sein persönlichstes, mahnt an das Unglück, im Sowjetreich zu leben. Dagegen bedeutet das Quartett des 1937 in Kiew geborenen, jetzt nach Berlin emigrierten Valentin Silvestrov die radikale Reduktion, Verinnerlichung, mit der Meditation als erobertem Glück (matangi.nl).

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(Foto: Matangi Music/Pias)

In die leider ferne sanftmütige, wenngleich nicht spannungslose Welt taucht ein, wer The Landscape of the Polyphonists durchquert. Dort lebte die franko-flämische A-cappella-Vokalkunst der Epoche zwischen 1400 und 1600, die von den Gesangsartisten des Huelgas Ensembles unter Leitung seines Gründers Paul van Nevel bezaubernd kunstfertig überreicht wird. Was der prominente Komponist Johannes Ockeghem im Sanctus seiner Missa Caput an artistischer Melodienseligkeit vorführte, ist heute so mitreißend wie das, was Nicolas Gombert und Josquin Desprez sich an polyphonen Zirkusnummern ausdachten. Und andere Meister, ob Jean Mouton oder Josquin Boston, lieferten vokale Glanznummern. Wer der Abenteuermusik der Renaissance länger lauscht, gerät in den Sog unverbrauchter "Alter Musik" (deutsche harmonia mundi).

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(Foto: Harmonia Mundi/Sony Music Entert)

"Kehren wir wieder zum Alten zurück, es wird ein Fortschritt sein" - so kommentierte Giuseppe Verdi lapidar die heiß gelaufene Debatte über den in Italien grassierenden "Wagnerismus". Die Quattro Pezzi Sacri sind sein letztes Wort dazu, vier tief empfundene lateinische "Heilige Stücke" des 84-Jährigen als Erinnerung an die Renaissancemusik und die eigene kuriose Jugend als Kirchenmusiker - mit antiklerikaler Zukunft. Der Rundfunkchor Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester unter Chorchef Gijs Leenaars erreichen zumal im zweiten und vierten Teil, dem "Stabat Mater" und dem abschließend gewaltigen "Te Deum", neben makelloser Tonprägnanz eine hohe Ausdrucksdichte. Die kommen hier auch anderen, weniger bekannten Chorwerken der Komponisten Gioachino Rossini, Ermanno Wolf-Ferrari und Puccini zugute. Imponierende Landschaft des frommen Chor-Eifers Italiens (Sony).

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(Foto: Sony Music)
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