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Klassikkolumne:Jugendwerke

Zwei neue Alben gerade noch junger Pianisten, Vikingur Olafsson und Igor Levit, dazu historische Aufnahmen der großen Martha Argerich aus den späten Fünfziger und anfänglichen Sechzigerjahren, als sie, noch keine 20, die Klassikwelt eroberte.

Bekannt geworden ist er mit Werken zeitgenössischer Komponisten, insbesondere des amerikanischen Komponisten Philip Glass, doch nun legt der isländische Pianist Vikingur Olafsson ein Bach-Album (DG) vor, das eine neue, mindestens so interessante Seite von ihm zeigt. Er versteht Bach ganz offensichtlich als zeitlosen Komponisten. Aber nicht in dem Sinne, wie Glenn Gould mitunter Bach zeitlos erscheinende Musik zu entlocken suchte, in einem immer enger in sich kreisenden mechanistischen Spiel. Vikingur Olafsson nimmt sich die gleiche Freiheit, in der Art, dass sich jede Generation die Musik Bachs so zu eigen machen darf und sollte, als würde sie all das neu entdecken, was tausende Pianisten und Musikwissenschaftler zuvor längst aufgedeckt haben. So, dass junge Bach-Spieler bei älteren Musikern, Kritikern und Musikologen sowieso, meist entspanntes Gähnen auslösen. Vikingur Olafsson aber spielt auch für die, die in spröder Trägheit gefangen ihr tristes intellektuelles Dasein führen. Sein inspiriertes Spiel macht Bach so menschlich wie lange nicht. Mit Geschichts-Ignoranz hat das nichts zu tun, wie man hören kann, aber mit einem großen Glücksgefühl beim Zusammenkommen von Mensch und Musik.

Ihr Erscheinen in der Musikwelt war ein Paukenschlag, der gleichsam bis heute nachhallt. Martha Argerich würde Mozarts a-Moll-Sonate inzwischen vielleicht ein wenig entspannter angehen, Robert Schumanns Toccata dagegen sicherlich ebenso forsch und furios, wie sie sie mit 19 Jahren anpackte (Hänssler) - und wie man die Pianistin heute noch erleben kann. Sie hat sich wie kaum ein Klassik-Künstler eine kreative wilde liebenswerte Jugendlichkeit bewahrt. Das ist ein Gutteil ihres Genies. Wenn man das große Wort "Jahrhundertpianistin" überhaupt gelten lassen will, dann zielt es auf diese Pianistin, und es beeindruckt auch heute noch, wie ihr einst im Alter von 15 Jahren Chopin-Etüden aus den Fingern perlten und dabei eine Klangsprache entwickelten, die alles andere als etüdenhaft ist. Es ist das wie natürliche Geschehenlassen, aus dem ihre besondere Zauberkraft erwächst.

Solcherlei Naturtalent und Fingerfertigkeit ist nicht der Felsen, auf den der Pianist Igor Levit baut. Begonnen hat er als verhaltener Rebell, der Beethoven in eine Art mystischen Dekonstruktivismus überführen wollte. Damit begeisterte er einerseits viele Klassikfans, andererseits sah er sich genötigt, viel zu erklären und umfangreich medial zu kommunizieren. Aber vielleicht war das auch nur Marketingstrategie, sich vorauseilend des Nicht-Verstanden-Werdens zu erwehren. Warum auch nicht, das ist legitim und verschafft klassischer Musik insgesamt Aufmerksamkeit. Igor Levit hat darüber hinaus den Ehrgeiz, ungewöhnliche Programme zu bieten. Auf seinem neuen Album "Igor Levit, Life" (Sony) schreitet er auf seinem Weg als moderner Mystiker weiter voran, die Auswahl der Komponisten passt dazu: Busoni, Bach, Schumann, Rzewski, Liszt und Bill Evans. Das sind alles Komponisten, die in ihren Werken sehr viel ermöglichen an darstellender Interpretation, aber auch an bedeutungsschwangerem Geraune. Komponisten, die sich einerseits an Traditionen halten und andererseits große persönliche Freiräume zulassen an Zukunftsvisionen, an Deutung und Andeutung, all das, worum es Igor Levit seit jeher geht. Er fühlte sich durch die Klassiker, insbesondere Beethoven, so sehr in die Enge gedrückt, dass er sich gleich zu Beginn seiner Karriere mit seinem ersten Album von diesem Übervater emanzipieren wollte. "Wirf die Fesseln ab", riet ihm sein Lehrer Matti Raekallio, wie Igor Levit erzählt. Das neue Album erscheint weniger therapiegestützt, aber die populär-romantische Grundposition mit all ihren interessanten wie auch bedenklichen Ausprägungen ist geblieben. Ferruccio Busonis "Fantasie nach J. S. Bach" wird zum klingenden Schauerroman, mit Schreckgespenstern und stampfendem Rübezahl. Allerdings kommt das von Busoni vorgesehene dolcissimo-Spiel im Diskant zu hart, vor allem aber zu kindlich unbedarft, und der vollgriffige Choral bekommt eine bleierne Schwere, die nicht so recht Sinn machen will. Das berührt durchaus ein Grundproblem bei Levit: Dass die Umdeutungen manchmal wie Missverständnisse klingen, die die innere Logik des Stücks auflösen. Levit fehlt die souveräne Leichtigkeit, was auch spieltechnisch begründet sein mag. Die Extreme, das Brachiale, der hemmungslose Pedalgebrauch vernebeln manches zu aparten Stimmungsmustern, bauen Kulissen auf, führen anderes in schiere Belanglosigkeit. Das betrifft seltsamerweise auch eines seiner Paradestücke, die Brahmssche Bearbeitung der sonst so beeindruckenden d-Moll-Chaconne von Bach.

© SZ vom 04.09.2018

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