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Klassikkolumne:Heutige spielen Altes

Die Pianistin Pi-hsien Chen, sonst bei Stockhausen und John Cage zu Hause, spielt Schubert-Sonaten unbeirrbar genau, ohne zu massives Pathos; und Viviane Chassot überrascht auf dem Akkordeon mit drei Mozart-Klavierkonzerten.

Oft wird gesagt, Dirigenten, Geiger oder Pianisten, die sich den waghalsigen Erfindungen der Moderne und Avantgarde gegenüber öffnen, realisierten klassisch-romantische Musik anders als die Verfechter der "reinen" Tradition - nämlich härter, schärfer, heutiger. Man kennt Proben aufs Exempel.

Die Pianistin Pi-hsien Chen hat Bach, Mozart und Beethoven eingespielt, aber dann auch die Grammatiken und Sprachen von Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und John Cage glanzvoll verinnerlicht. Sechs Schubert-Sonaten sind zu hören. Ihr Credo: Nicht den runden "schönen" Ton des Melodikers Schubert anbeten, stattdessen, so in der späten A-Dur-Sonate, mit einer unbeirrbaren Genauigkeit des Abstufens und Phrasierens ans Werk gehen, die rhythmischen Impulse, die Akkorde des Aufbegehrens ohne massives Pathos hörbar machen, dabei Poesie und Charme bewahren. Im Andantino lassen die unablässig fahlen Begleittupfer der linken Hand ein Verstummen ahnen. Erst recht wird in der späten c-Moll-Sonate keine Emotionalität subjektivistisch hochgeschraubt, in Schuberts lyrischem Reich herrscht objektiv Ruhelosigkeit, Beklemmung ohne Fratzenhaftigkeit. Grandios die prägnante Einfachheit der von Brüchen beseelten G-Dur-Sonate. Stocken und Fließen, Trauer und Glück sind stets beieinander (Aldilà Records).

Zu den aufrichtig "suchenden" Pianistinnen zählt die Russin Anna Gourari, die, wenn sie nicht Chopin, Brahms oder Skrjabin aufnahm, gern und recht grüblerisch modernen, auch lebenden Komponisten huldigte. In "Canto Oscuro" verknüpfte sie Bach mit Gubaidulina und Hindemith, jetzt stellt Anna Gourari das Album Elusive Affinity vor, kuriose "flüchtige Verwandtschaften" in einer Ansammlung von Klavierminiaturen von Komponisten aus der slawischen oder baltischen, früher dem Sowjetreich zugehörigen Kultursphäre: düstere Aphorismen Alfred Schnittkes, einsilbige Poèmes von Giya Kancheli und die kapriziösen, Gourari gewidmeten Tagebuchnotate von Rodion Shchedrin. Auch frühe Variationen Arvo Pärts. Dazwischen hält Gourari "Zwiesprache" mit Wolfgang Rihm, den so genannten fünf, 1999 komponierten In-Memoriam-Stücken für verstorbene Freunde, Mentoren. Eingerahmt ist die Sammlung durch zwei barocke Adagio-Piècen in Bearbeitung des Zeitgenossen Johann Sebastian Bach. Lauter Affinitäten - oder melancholische Traumbilder der Langsamkeit (ECM).

Wolfgang Amadeus Mozart anders, unüblich, neu gehört und vor allem gespielt - auf dem Akkordeon als Solo-Instrument. Die aus Zürich stammende Viviane Chassot hat es sich in den Kopf gesetzt, drei Klavierkonzerte Mozarts an den vertikalen Tasten und Knöpfen zum Leben zu erwecken. Sie hatte Klavierkonzerte Joseph Haydns veröffentlicht, die Alfred Brendel sehr gefielen ("Frische, Kontrolle und Empfindsamkeit"), mit Mozart greift sie nach den Sternen. Denn wer das letzte Klavierkonzert in B-Dur KV 595 im Ohr hat, wird den perkussiven Klavierton als Partner und Gegenspieler des Tutti vermissen. Chassot und ihr Akkordeon geben sich leise, und der fließende Ton lässt sich mit dem Orchesterklang völlig fusionieren, Spitzen in der Diskantregion bleiben oft ungehört. Das Ensemble Camerata Bern, von Chassot geleitet, nimmt den Klang zurück. Für die Solo-Kadenzen bedient sich Chassot bei Mozart selbst oder gibt sich, durchaus virtuos und einfühlsam, nach eigenem Bekunden "bald musikantisch oder auch mal abgründig" (Sony).

Die Musikgeschichte gleicht einer Parade der Bearbeitungen, in allen denkbaren Varianten, von J. S. Bach bis Luciano Berio, der Gustav Mahler bearbeitete. Mahler selbst hat Bach und Beethoven, umstritten, im Klang verändert, "ergänzt". In einer neuen Bearbeitung für Kammerensemble tönen Mahlers Orchesterlieder aus der Gedichtsammlung "Des Knaben Wunderhorn". Dirigent und Arrangeur Klaus Simon hat sie hergestellt, die Schweizer Dirigentin Graziella Contratto leitet Instrumentalisten der Hochschule der Künste Bern. Sie freut sich, dass Mahlers Lieder der Empathie, diese "Porträts von randständigen, vom Schicksal gebeutelten Menschenskindern", in einem "jakobinisch" per Akkordeon mit Klavier zugespitzten Tonfall erklingen. Junge Sängerinnen und Sänger bewältigen das "Rheinlegendchen" und "Trost im Unglück" oder "Das irdische Leben" und den "Tamboursg'sell" mit vokaler Lust am kammermusikalischen Ton des hier von zwei Tenorhörnern erzromantisch eingefärbten Ensembles (Claves).