Süddeutsche Zeitung

Klassikkolumne:Geistiger Widerstand

Das Kuss-Quartett und Annika Treutler spielen Werke von Mieczysław Weinberg und Viktor Ullmann ein, die unter dem Schatten des Holocaust entstanden. Detlev Glanert schwimmt mit Nixen. Und eine neue CD feiert posthum Mariss Jansons.

Der polnische Komponist Mieczysław Weinberg überlebte durch dramatische Flucht den Holocaust und empfand es zeitlebens als seine Pflicht, von den Schrecken der NS-Zeit zu erzählen. Dennoch klingt seine Musik oft so vielgestaltig, als wolle sie mit den Tod besiegen. Sie erinnert streckenweise an Mahler, an Schostakowitsch, an Prokofjew - aber hat immer ihren eigenen Ton. In den zweiten Satz seines 1944, kurz nach seiner Übersiedlung nach Moskau komponierten Klavierquintetts op. 18, das jetzt neu eingespielt wurde, mischen sich allerdings auch spukhafte Töne, und der dritte Satz, ein makabres Scherzo, trägt mit seinen schattenhaften Streicherfiguren, den Walzerepisoden und einem Tango Züge eines Totentanzes. Die Geigerin Jana Kuss, Primaria des Kuss Quartetts, weiß auf ihrer Geige durchdringend zu singen, und die Pianistin Olga Scheps bringt nicht nur eine exzellente Technik mit, sondern auch die Kraft für einen auch im Forte noch vollen Ton: eine mitreißende Einspielung, die sogar an die großartige historische Aufnahme mit dem Borodin Quartett und Weinberg selbst am Klavier heranreicht. (Sony)

Der Komponist Viktor Ullmann konnte sich, anders als Weinberg, vor der Verfolung nicht mehr retten. Sein 1939, kurz nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag entstandenes Klavierkonzert ist ein kontrastreiches, aufregendes Werk. Die Pianistin Annika Treutler und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Stephan Frucht verleihen seinem ersten Satz atemlose Präzision und Schärfe, dem nostalgischen Walzerthema des zweiten Satzes dagegen Klangsinnlichkeit und Schmelz: Es ist eine Erinnerung an eine untergehende Welt, die sich immer wieder zu einem brennenden Schmerz steigert. Seine 7. Klaviersonate komponierte Viktor Ullmann 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt, wenige Wochen bevor er in Auschwitz ermordet wurde. Sie ist ein Meisterwerk der Form und ein Akt geistigen Widerstands. Annika Treutler interpretiert diese Musik bis hin zum anklagenden Ton des abschließenden Fugenfinales mit technischer Brillanz und einer Ausdruckswucht, der man sich nicht entziehen kann. (Berlin classics)

Nixen und Sirenen haben Dichter und Komponisten seit jeher fasziniert, von Richard Wagners Rheintöchtern über Antonín Dvořáks "Rusalka" und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bis zu Hans Werner Henzes Ballett "Undine". Der Henze-Schüler Detlev Glanert hat sich im Auftrag der Deutschen Oper ein Novellenfragment aus dem Nachlass Theodor Fontanes zur Vorlage für seine Oper "Oceane" genommen. Hans-Ulrich Treichel formte aus dem nur wenige Seiten umfassenden Textf ein dichtes, klar strukturiertes Libretto. Glanert hat ein etwa hundert Minuten dauerndes Werk komponiert, das von der ersten bis zur letzten Note sitzt und das so suggestiv und sinnfällig wie auch formal stringent geschrieben ist. Sein Herz schlägt unüberhörbar für die verführerische Klangwelt der Nixe Oceane, die mit schwebenden Vokalisen, tonal ungebundenen Klangflächen, Windmaschine und einem raunenden Fernchor immer wieder Debussys "Sirènes" aus dem Orchesterzyklus "Nocturnes" anklingen lässt. Dass in Oceane durchaus Naturgewalten brodeln, macht die fabelhafte Maria Bengtsson stimmlich mit ihrem alles überstrahlenden, silbrig schillernden Soprantimbre klar. Donald Runnicles dirigiert den Überfluss dieser Partitur mit Lust und Gespür für die wechselnden Farben, Klangmischungen und Charaktere. Das ist neue Musik, die nicht weh tut. Abgründe freilich sucht man vergeblich. (Oehms)

Was für ein charismatischer musikalischer Bilderstürmer der verstorbene Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, war, macht einmal mehr eine posthum erschienene CD mit Aufnahmen aus den Jahren 2019 und 2017 deutlich. Die als Ballett-Partitur komponierte "Carmen Suite" des russischen Komponisten Rodion Schtschedrin bringt Jansons in all ihren Klangspielereien und rhythmischen Volten zum Glühen. Schtschedrins Instrumentation, die auf Bläser verzichtet, das Streichorchester aber um 47 Schlaginstrumente ergänzt, fegt allen Sensualismus der Bizet-Evergreens zugunsten einer fast comichaften Drastik beiseite. Das Orchester spielt die vielen musikalischen Pointen lustvoll aus. Virtuos, präzise und mit Lust an der eigenen Kraft werfen sich Jansons Musiker auch in Ottorino Respighis symphonische Dichtung "Pini di Roma" - ein zwischen Impressionismus und Kitsch lavierendes, spätromantisches Tongemälde. (BR Klassik)

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SZ vom 04.02.2020
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