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Klassikkolumne:"Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande"

Eine akustische Gondelfahrt durch Venedig, Nachrichten von der Gewitterfront und das Übliche von Jonas Kaufmann: die neuen CDs der Woche.

Von Reinhard J. Brembeck

Venedig! Früher war die Vorfreude überwältigend: Am Münchner Hauptbahnhof einsteigen und sechseinhalb Stunden später über die Lagune fahren. Jetzt sind zwar wieder die Grenzen offen, aber es gibt keinen Direktzug nach Venedig. Viele Bahngesellschaften bieten derzeit nur stark reduzierte Fahrpläne. Also muss man sich den "Gondoliere Veneziano" ins Haus kommen lassen, er stammt aus Regensburg, heißt Holger Falk und ist Bariton. Diese Platte ist eine der schönsten Venedig-Hommagen, weil sich Falk das Elektronikmusikduo Merzouga in die Gondel geholt hat. Die beiden haben vor Ort Geplätscher, Vaporettogerumpel, Touristengewiesel, Falks Gesinge und Möwengekreisch aufgenommen, zu Akustikschnipseln verarbeitet und zwischen die Songs eingestreut, die Holger Falk frech, übermütig, prall, lasziv singt. Die CD ersetzt einen Venedig-Besuch, ist viel billiger, kommt ohne die Nachteile des Tourismus aus und vermeidet jede Ansteckungsgefahr, außer der durch die Musik. (Prospero)

Wenn etwas Kritik an Holger Falk erlaubt ist, dann nur die, dass der Venezianer Luigi Nono in seiner Sammlung fehlt. Die Schola Heidelberg hat jetzt dessen "Polifonica - Monodia - Ritmica" (1951) erstmals in der Erstfassung aufgenommen, das lichte Chorstück hätte wunderbar in Falks Anthologie gepasst: ganz Venedig in die Moderne transponiert. ("Parole e Testi", Divox)

Da es derzeit noch immer nicht so angesagt ist, in Städte zu reisen, bevorzugen die Menschen das "Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande". So hat das Ludwig van Beethoven in seiner 1808 erstgespielten Sechsten Sinfonie formuliert, der "Pastorale", die sich am Bach und mit Volkstänzen vergnügt, einen Wolkenbruch übersteht und durchnässt, aber dankbar endet für diesen Tag im Grünen. Die Idee der komponierten Landpartie stammt nicht von Beethoven. Der lebenslang in seinem schwäbischen Geburtsort ansässige Justin Heinrich Knecht hatte schon 20 Jahre vor Beethoven ein zumindest in Kennerkreisen berühmtes symphonisches "Portrait musical de la Nature" komponiert, ebenfalls fünfsätzig samt Gewitter. Beethoven hat es wohl gekannt. Hier findet sich wie bei Beethoven das gleiche befreite Aufatmen abseits der Stadt. Die Berliner Akademie für Alte Musik, angeleitet von ihrem Konzertmeister Bernhard Forck, hat jetzt beide Stücke aufgenommen, und siehe da: Der Knecht kann neben dem Meister bestehen! (harmonia mundi)

Oper nur als Audio ist ein reizvolles Unding. Ein Unding, weil Szene und Regie wegfallen, die die Aktualität des Plots zeigen könnten. Reizvoll, weil der Hörer sich dabei einmal ganz hedonistisch einseitig auf die Musik konzentrieren kann, fernab von Szene und Regie. Das ist zwar vor allem ein Vergnügen für konservative Opernfans, die die Musik für das wichtigste in der Oper halten und nicht den perversen Mix aus Körperlichkeit und Klang. Jonas Kaufmann hat jetzt nach seinem Londoner Bühnendebüt als Giuseppe Verdis Otello (liegt auf DVD vor) das Stück noch einmal unter Studiobedingungen aufgenommen, mit dem Dirigenten Antonio Pappano und der Accademia di Santa Cecilia in deren römischem Konzertsaal (Sony). Es ist ein traditionelles Unternehmen, nichts überrascht durch neue Lösungen. Pappano hält elegant und leicht die Mitte. Kaufmann ist wie üblich eine Leidensgestalt, singt dunkel, quetscht leise Hochtöne, ist in den Wutausbrüchen angestrengt an seinen Grenzen. Für Kaufmann-Fans ein Muss. Alle anderen greifen zu Jon Vickers' sensationellem Otello, vor 60 Jahren ebenfalls in Rom aufgenommen mit Dirigent Tullio Serafin. Oder sie wagen sich gleich an "Miriways".

Miriways? Das ist eine von Georg Philipp Telemanns 50 Opern, ein gutes Fünftel ist erhalten, die gerade wiederentdeckt werden. Mir Wais war ein afghanischer Rebell, dessen Sohn 1722 Isfahan eroberte. Sechs Jahre später kamediese recht ungenau erzählte Zeitgeschichte als Telemanns deutsch gesungene Liebe-gegen-Pflicht-Oper "Miriways" auf die Hamburger Opernbühne. Vor acht Jahren wurde das Stück szenisch erneut in Magdeburg auf die Bühne gestellt. Davon existiert ein Live-Mitschnitt, der jetzt getoppt wird durch diese Aufnahme der Berliner Akademie für Alte Musik unter Bernard Labbadie. Leicht treibt die Musik dahin, Untiefen werden nur angedeutet, die Rezitative sind genau fokussiert, die grandiosen Solisten haben hörbar Spaß bei dieser Opernverführung. Und der Hörer noch viel mehr. (Pentatone)

© SZ vom 23.06.2020

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