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Klassikkolumne:Ein Star, zwei Talente

Neue CDs: Beim Cellisten Paul Tortelier weiß man, was man hat - virtuosen Glanz. Von Raphaela Gromes wird man noch viel hören.

Von Harald Eggebrecht

Der große Emanuel Feuermann, einer der heiligen drei Könige des modernen Cellospiels neben Pau Casals und Gregor Piatigorsky, hat die beste Definition dessen gegeben, was denn ein Virtuose sei: "Virtuose sein bedeutet: das größte Spielvermögen zu haben, das Kunstwerk zu achten und über die Fähigkeiten zu verfügen, die eigene Persönlichkeit sinnvoll in das Kunstwerk einzubringen." Daher, so Feuermann, "sollte Virtuose ein Ehrentitel sein".

Diesen Ehrentitel konnte Paul Tortelier (1914-1990) wahrlich für sich in Anspruch nehmen. Wenn er auf dem Podium erschien, umwehte seinen imposant-kantigen Kopf und seine knochig-hagere Gestalt ein Hauch von Abenteuer und Revolution, von Fantastik und Leidenschaft. Im Alter sah Tortelier wie der leibhaftige Don Quijote aus, dessen überragender Darsteller er in der symphonischen Dichtung von Richard Strauss gewesen ist. Tortelier, dessen ungemein farbenreiches, deklamierendes Cellospiel durch seine nahezu schauspielerische Verkörperungsfähigkeit auf der Bühne unvergesslich unterstützt wurde, war ein flammender Erzähler und Rhetor auf dem Cello aus dem Geiste von Aufklärung und Ritterlichkeit. Drei hörenswerte CDs mit Aufnahmen aus den Jahren 1949, 1962 und 1964, die er mit den Pianisten Klaus Billing und Lothar Broddack in Berlin für den Rias machte, künden vom "sprechenden", bei aller Brillanz nie glatten, sehr persönlichen Spiel aus solistischem wie kammermusikalischen Geist dieses einzigartigen Cellisten. So klingt die e-Moll-Sonate von Johannes Brahms so tief, sonor und warm, als habe Brahms einen väterlichen Sängerbass im Sinn gehabt. Selbst das sich zopfig gebende Allegretto und erst recht die finale Fuge bleiben in der Klangsphäre des Tiefen, ohne deshalb je schwer oder gar träge zu wirken. Für Felix Mendelssohn Bartholdys 2. Sonate hellt Tortelier den Ton auf, Eleganz und strahlendes Leuchten durchdringen dieses feurige Stück. Für Ludwig van Beethovens Cellosonate op. 102, 2 mobilisiert er pathetischen Schwung und expressiven Ernst. Virtuosen Glanz bietet er mit Niccolò Paganinis Variationen über ein Thema aus Gioachino Rossinis "Moses" und seinem eigenen burlesken Stück "Trois p'its tours". Zoltán Kodálys aufregende Solosonate stellte er mit großer Emphase und Farbsinn dar. Klangfarbenlust bestimmt auch die 2. Sonate von Gabriel Fauré, die leider auf hiesigen Podien kaum zu hören ist. Noch seltener, auch in Torteliers Repertoire eine Rarität, ist die 2. Cellosonate von Alfredo Casella von 1926, die in ihrer neoklassizistischen Manier ein wenig nach italienischem Paul Hindemith klingt. Die 6. Suite von Johann Sebastian Bach erfüllt Tortelier mit großer Lebendigkeit, ohne sich an historisch informierter Aufführungspraxis zu orientieren. (audite)

Die junge Raphaela Gromes, 28, gibt zu der schönen Hoffnung Anlass, sich zum cellistischen Können auch zur unverwechselbaren Musikerpersönlichkeit zu entwickeln. Sie verbindet untadeliges Musizieren mit einer gewinnenden Auftrittspräsenz. Dazu kommen ein prägnant ausgestalteter Ton, Entdeckerfreude und satzperspektivisches Denken. Zum Glück hat sie sich nicht gleich aufs Standardrepertoire gestürzt, sondern etwa mit Jacques Offenbach, der ein glänzender Cellist war und attraktive Stücke fürs Cello geschrieben hat, Furore gemacht. Nun bietet sie mit ihrem versierten Klavierpartner Julian Riem eine Weltersteinspielung mit der Frühfassung der Cellosonate F-Dur von Richard Strauss. Der hatte, fünfzehnjährig, das Stück anonym bei einem Kompositionswettbewerb eingereicht - erfolglos. Zwei Jahre später erschien die zweite, fast völlig neue bekannte Version. Gromes und Riem zeigen, dass sich Neugier lohnt: Die Frühversion ist ein leichteres, lichteres Stück, bei dem Kopfsatz und das flotte Finale sehr überzeugen. Die berühmte, klanglich wie kompositorisch muskulösere zweite Fassung legen die beiden mit jugendlicher Bravour hin. (Sony)

Auch der 24-jährige, in Wien geborene und in etlichen Wettbewerben ausgezeichnete Geiger Emanuel Tjeknavorian gehört zu den interessanten, eigentümlichen jungen Musikern unserer Zeit. Will man den auffallenden Wärmestrom seines Geigentons in Farben beschreiben, so müssten es Gelb- und Goldschattierungen aller Art sein. Tjeknavorian spielt das Violinkonzert von Jean Sibelius mit dem HR-Sinfonieorchester unter Pablo Gonzales von Licht durchdrungen und in den Wehmutsstrom dieser eigentlich dunklen Musik hingebungsvoll versenkt. Das Geigenkonzert seines Vaters Loris, das unüberhörbar an Aram Chatchaturians Konzert erinnert, nimmt er vorbehaltlos ernst und bietet es mit Verve und Schmiss dar. (Berlin Classics)

© SZ vom 18.02.2020
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