Süddeutsche Zeitung

Klassikkolumne: Der ganze Schütz

Der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann hat die Aufnahme des Gesamtwerks von Heinrich Schütz, des ersten deutschen Komponisten von Weltrang, abgeschlossen. Dazu: Vladimir Askenazy als junger Pianist.

"Ehrt eure deutschen Meister! Dann bannt ihr gute Geister" - das Fazit in Richard Wagners "Meistersingern". Bleibt die Frage: Ist das Schlusswort des Hans Sachs nun Chauvinismus oder bloß eine patriotische Liebeserklärung an Kunst, Land und Leute? Beides? Sachsens nationaler Glaube an das, "was deutsch und echt", drang seinerzeit in die Säle und Wohnstuben der Deutschen. Musik aus dem "Ausland" war weniger dringlich, "Zwiegespräche" brauchte man nicht.

"Auf dich, Herr, traue ich" - das ist religiöser Glaube, der ganz anders klingt. Und doch vom "Vater der deutschen Musik", Heinrich Schütz, stammt, dem Musikchef des sächsischen Kurfürsten und ersten deutschen Komponisten europäischen Ranges. Den erwähnten Psalm Nr. 7 hat Schütz in den 1620er-Jahren mit einer großen mehrchörigen Musik versehen, zu hören in der spektakulären Ersteinspielung seines Gesamtwerks, die der makellos intonierende Dresdner Kammerchor unter seinem Dirigenten Hans-Christoph Rademann im Lauf eines Jahrzehnts realisiert hat. Gibt es da keine nationalen Merkmale? Schütz, den sein großzügiger "Vorgesetzter", Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, für drei Jahre nach Venedig geschickt hatte, in die Schule von Meister Giovanni Gabrieli, konnte in seiner frühbarocken Vokalmusik durchaus mit einer Art "deutscher" Anmutung des Stils brillieren: seriöser, dabei virtuoser Kontrapunkt, satztechnische Gelehrsamkeit in deutscher Sprache - mit deutscher "Tiefe". Mit der 20. Edition ist die imposante Schütz-Gesamtausgabe nunmehr vollendet (Carus).

Das Nationale und das Europäische lagen in der klassischen Musik immer nahe beieinander. Bach und Mozart vereinnahmten Werke und stilistische Eigenarten aus Italien und Frankreich, ohne Angst vor "Plagiat". Inzwischen ist die Musikszene völlig global aufgestellt. Dass moderne Chormusik aus Japan von Sängern des SWR Vokal Ensembles unter der Leitung eines Briten, Marcus Creed, aufgenommen wurde, verwundert nicht. Umso mehr beeindruckt die Qualität der Musik von Toru Takemitsu oder Toshio Hosokawa, den bedeutendsten, um eine Generation voneinander entfernten Komponisten Japans. Hosokawa führt in dem Stück "Die Lotosblume", nach Heinrich Heines Gedicht, vielstimmigen Chorgesang wie ein Naturereignis aus der Stille in die Klänge und wieder zurück. Takemitsu hat Mitte der Sechzigerjahre in seinem Songzyklus "Windpferd" in weiten Intervallen und rhythmischen Schüben verschiedene Vokalisen für Frauen- und Männerchor miteinander kombiniert. Sprache wird von ihm in schönste Lautmalerei verwandelt, gefühlte Winde und Luftzüge schaffen poetische Reflexe (SWR Classic).

Wie genialisch der russische Pianist Vladimir Ashkenazy am Beginn seiner Karriere musizieren konnte, zeigt das Album mit frühen Aufnahmen des 1937 in Gorki (heute: Nischni Nowgorod) Geborenen. Der Hörer darf staunen über die beiden furios konturierten Etüdenzyklen Chopins und dessen h-Moll-Sonate. Er kann sich bei Rachmaninows Corelli-Variationen wundern über Ashkenazys Virtuosität, Non-legato-Spiel und all das lyrische Gedankenpotenzial. Die pianistische Angriffslust des Zwanzigjährigen bei Prokofjews siebenter Sonate ist enorm. Für Beethovens Waldsteinsonate besitzt er geistigen Elan, Formdisziplin, poetische Empathie. Und die Sonate op. 111 gelingt ihm, besonders in der Arietta, durch seine Kraft der Verinnerlichung (Profil/Hänssler).

Einen recht eigenwilligen Entwurf von Zwiegesprächen haben sich zwei Komponisten ausgedacht, der Schweizer Heinz Holliger und der Ungar György Kurtág. Der kammermusikalische Ablauf von 37 aphoristischen Stücken gleicht einer Erkundung von Ideen und Bläserklängen: Oboe, Englischhorn sowie Bass- und Kontrabassklarinette bestimmen die zarten, von viel Energie geschärften Klangbilder. Dazu gehören auch "Airs" von Holliger, ein Zyklus aus sieben Gedichten des schweizerischen Lyrikers Philippe Jaccottet, die dieser, hochbetagt, selbst liest - beantwortet mit Lust und List von Holligers Oboe. Es folgen Kurtágs gut ein Dutzend Mini-Solostücke für wechselnde Holzblasinstrumente - tagebuchartige Notate, Widmungen wie die von Holliger und Ernesto Molinari auf Oboe und Englischhorn gespielte "Hommage à Elliott Carter" oder "ein Sappho-Fragment", Zeugnisse von Kurtágs einsamer Selbstreflexion. Die quicklebendige Sonate für die Solo-Oboe des jungen Heinz Holliger besiegelt den heiter blühenden Fantasieüberschuss der Produktion (ECM).

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SZ vom 20.08.2019
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