Klassikfestival:Neu zum Wohle des Alten

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Das Vokalensemble Singer Pur übernimmt die Stimmwercktage

Von Andreas Meixner, Adlersberg

Schwerer Sommerduft liegt über den Hügeln des Bayerischen Vorwalds. Auf dem ehrwürdigen Klosterberg nahe Regensburg ist es Anfang August eigentlich wie immer um diese Zeit. Aus allen Richtungen strömen sie zur Kirche, um Alte Vokalmusik zu hören und das dunkle Bier der Region zu trinken. Drei Tage Festival, drei Konzerte, flankiert von Vorträgen und einer musikwissenschaftlichen Akademie. Im 15. Jahr ist das schon so, und doch ist diesmal alles anders.

Die Stimmwercktage gibt es nicht mehr, das Ensemble Stimmwerck hat sich aufgelöst. Im Januar gaben die vier Sänger zwei Abschiedskonzerte. Der Schmerz über das jähe Ende im vergangenen Sommer sitzt immer noch tief, doch zumindest für das kleine, weithin geschätzte Renaissance-Festival vor den Toren Regensburgs ergab sich in den Wintermonaten eine würdige Nachfolge. Aus den Stimmwercktagen werden fortan die Singer-Pur-Tage. Und die Mitglieder von Singer Pur taten gut daran, das bisherige, bestens eingeführte Konzept weitgehend zu übernehmen. Nur in der Repertoireauswahl hielt man sich nicht mehr an die strenge Vorgabe, sich auf einen Komponisten oder eine Handschrift zu konzentrieren. Zum 500. Todesjahr von Kaiser Maximilian I. stand die Musik seiner berühmten Hofkapelle im Mittelpunkt der Konzerte und Vorträge. Und damit öffnet sich ein wesentlich breiteres Spektrum an Komponisten, die in der kaiserlichen Residenz in Innsbruck unmittelbar gewirkt haben oder dort aufgeführt wurden.

Klangliche Opulenz flutet zur Eröffnung den Kirchenraum, und das nicht nur wegen der Werkauswahl. Singer Pur können schon aus eigener Kraft die sechsstimmigen Motetten und Messen stemmen, verstärken sich gelegentlich mit dem tiefen Bassisten Jan Kuhar und dem Altus Stefan Steinemann. Noch haben viele Zuhörer die sensible und intime Gesangskultur von Stimmwerck im Ohr, das Loslassen wird noch einige Momente dauern. Zum Ende des ersten Abends haben Singer Pur aber die Herzen gewonnen, weil sie sich gar nicht dem Vergleich stellen müssen und die üppige Musik von Jakob Obrecht, Heinrich Isaac, Josquin de Prez oder Ludwig Senfl auf die ganz eigene faszinierende Weise ihrer überragenden Klangbalance und Dynamik zum Leben erwecken. Und wenn sich in Isaacs Sanctus-Vertonung an das Ostinato des Basses die virtuosen Hosanna-Girlanden der Oberstimmen schmiegen, dann ist das ebenso betörend wie das schlichte, leise Ende des zweiten Konzertabends, im gregorianischen marianischen Antiphon des Salve Regina.

Die Amerikanerin Joanne Metcalf kommentiert als "composer in residence" die alte Musik mit gemäßigter Modernität in flirrender transparenter Klanglichkeit voller Anmut und Eleganz. Kein Bruch zwischen alt und neu, weil Singer Pur die Grundstilistik im Vortrag kaum ändern. Der perfekte Brückenschlag. Dazwischen erklingt schnarrend als Kuriosum der Nachbau eines Apfelregals mit seinen goldenen Schallbechern, wie es schon bei Maximilian I. stand. Die Dramaturgie fesselt, trotz überlanger Konzerte. Am Sonntag zum Finale ist die Kirche brechend voll, standing ovations. Die Fackelübergabe gelingt, die Flamme brennt weiter. Man wird sich sicher weiter treffen auf dem Adlersberg. Immer im August.

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