Klassiker neu übersetzt Sehnsucht nach einem besseren Leben

Wir kennen das Thema aus "Zeiten des Aufruhrs" mit Leonardo diCaprio und Kate Winslet. An einem solchen Porträt der Nachkriegszeit in den USA mit ihren kleinen Leben in den Vorstädten versuchte sich 1955 bereits Sloan Wilson in seinem Roman "Der Mann im grauen Flanell", der nun in neuer Übersetzung vorliegt. Unterhaltung bietet Wilson, doch die Gesellschaftskritik kommt zu kurz.

Von Nico Bleutge

Wer dieses Buch in die Hand nimmt, muss sich von der Hoffnung auf Glück verabschieden. Schon der Umschlag zeigt die triste Gleichheit chromglänzender Rolltreppen. Und darauf die zahllosen Angestellten in ihren frisch gebügelten Anzügen. "Die Uniform von heute", heißt es einmal, "als hätte jemand eine Verordnung erlassen". Keine Aussicht auf ein ausgeglichenes Leben, kein erfüllter Moment jenseits der Arbeit.

Gleichwohl ist Sloan Wilsons Roman von 1955 mehr als nur Angestelltenliteratur. Mit seinen Genreszenen und Rückblenden versucht sich Wilson an einem Portrait der amerikanischen Nachkriegszeit. Und bietet nicht weniger als Unterhaltung - im guten wie im schlechten Sinne.

Es ist die Welt der Empfangshallen und Aufzüge, der Großraumbüros und Schreibtische, der Karteikarten und klackernden Schreibmaschinen, die der amerikanische Autor vor dem Leser ausbreitet (von Eike Schönfeld neu in ein gut lesbares Deutsch übersetzt).

Tom Rath arbeitet bei einer privaten Stiftung, die Wissenschaft und Kunst unterstützt. Mit seiner Frau Betsy und den drei Kindern wohnt er in einer kleinen Stadt in Connecticut. Gerade einmal 33 Jahre alt, hat er doch die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs im Rücken und eine Maxime für sein Leben entwickelt: " ,Träume von Pracht und Herrlichkeit', sagte er, ,ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, sie zu überwinden'".

Doch Betsy ist das kleine Haus zu schäbig - und so richtig zufrieden scheint auch Tom nicht. Nach dem Tod von Toms reicher Großmutter zieht die Familie in das Haus der alten Dame in einem Vorort von New York. Alle Hoffnungen ruhen auf Toms neuer Stelle bei einer großen Radio- und Fernsehgesellschaft. Aber die lähmende Kraft des Arbeitslebens lässt nicht nach.

Die Lethargie der "müden Dreißiger"

Mit der Empathie eines Psychiaters beschreibt Sloan Wilson Toms und Betsys Versuche, die Lethargie der "müden Dreißiger", wie Toms Arzt es einmal beschreibt, zu überwinden. Es ist ein Geflecht aus Arbeitsdruck, Konkurrenz, tief sitzenden Erinnerungen und Sorgen über die Zukunft, das ein Erleben der Gegenwart unmöglich macht. "Entfremdung" würden die Soziologen nennen, was für Tom ein Leben "in grundverschiedenen Welten" ist.

Vor allem die Erinnerungen an den Krieg, in dem Tom als Fallschirmjäger in Italien und im Pazifik unterwegs war, brechen ein ums andere Mal unter dem dünnen Boden der Wahrnehmung auf. Und ihre Wirkung könnte verheerender kaum sein: Hat die soldatische Seinsweise mit ihrem Kampf ums Überleben und den vielen Toten den jungen Tom an die Nullgrenze aller moralischen Vorstellungen gebracht, so ist gerade jenes Gefühl des "Eigentlich ist alles egal" mit dafür verantwortlich, dass er der auszehrenden Müdigkeit des Alltags nur schwer etwas entgegenhalten kann.