Klassik:Viel mehr als nur die Welt retten

Am Samstag hat die Oper "Noahs Flut" in der Reithalle Premiere. 120 Kinder und Jugendliche haben dafür zwei Jahre lang geprobt - die meisten hatten zuvor noch nie ein Instrument in der Hand

Von Thomas Jordan

Opernschule

Hochspannung und volle Konzentration heißt es seit zwei Jahren für die 120 Kinder, die bei der Aufführung von "Noahs Flut" mitwirken.

(Foto: Robert Brembeck)

Es sind Fragen, die an das Fundament des Menschseins gehen: Wie verhält sich die Gemeinschaft im Angesicht der Katastrophe? Wer wird gerettet, wer bleibt zurück - und vor allem: Wer entscheidet über Leben und Tod? Benjamin Brittens einaktige Oper "Noahs Flut" ist für Kinder geschrieben und scheut sich dabei doch keinen Moment, die ganz großen Themen anzupacken. Nicht nur deshalb ist es ein Projekt von beeindruckendem musikpädagogischen Ehrgeiz, das am Samstag in der Reithalle Premiere hat.

Seit zwei Jahren proben 120 Kinder und Jugendliche unter der Leitung des Dirigenten Daniel Grossmann zusammen mit Musikern des Jewish Chamber Orchestra Brittens Oper um die alttestamentarische Arche-Noah-Geschichte. Alle zwei Wochen, immer freitags und am Wochenende. Note für Note, Takt für Takt. Denn kaum einer der Fünf- bis Achtzehnjährigen hatte zuvor schon Bühnenerfahrung, viele nahmen zum ersten Mal ein Instrument in die Hand. "Wir haben die Kinder von Null soweit gebracht, dass sie mitspielen konnten", sagt Daniel Grossmann.

Jeder, der wollte, konnte mitmachen, bei dem bisher größten Projekt der Opernschule des Jewish Chamber Orchestra. Einmal pro Woche gab es Unterricht von den Musikern. Auch wenn das mitunter enorme pädagogische Herausforderungen bedeutete. Etwa wenn die Kinder so klein waren, dass sie weder Noten noch Buchstaben lesen konnten, aber dennoch ihre Orchesterpartie oder ihre Opernrolle beherrschen mussten. "Wir haben Fünfjährige, die haben nur durch das Hören Melodie und Text gelernt", sagt Natascha Ursuliak. Die Regisseurin hat schon öfter mit Kindern geprobt und ist immer wieder beeindruckt davon, welche Entwicklungen durch die intensive Auseinandersetzung mit klassischer Musik möglich werden. "Die Kinder entdecken sich selber", sagt Ursuliak. Nicht immer sind die Veränderungen so deutlich wie bei dem jungen Mann, der Ursuliak nach einer Opernproduktion einmal damit überraschte, nun statt eines Hauptschulabschlusses das Abitur anstreben zu wollen. Aber etwas verändert sich fast immer. Da sind die pubertierenden Jugendlichen, die sich selbst besser verstehen. Da ist das schüchterne Kind, das sich anfangs gar nichts traut und am Schluss ein Solo singt. "Die Kinder wachsen daran und lernen eine andere Seite an sich kennen", sagt die Regisseurin.

Opernschule

Jeder konnte mitmachen beim Opernprojekt.

(Foto: Robert Brembeck)

Für den siebenjährigen Yaron ist die Sache ganz einfach: "Am meisten Spaß macht mir das Springen und Singen", sagt der Bub, der im Kinderchor der Tiere, die Noah auf seiner Arche retten will, eine Heuschrecke spielt. Nachdem sich Freunde von ihm angemeldet hatten, wollte der Zweitklässler unbedingt auch dabeisein. Die Opernschule des Jewish Chamber Orchestra will aber nicht nur die Lust auf die klassische Musik wecken, sondern in der Arbeit mit Kindern auch ganz unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen.

So spielen in dieser Produktion des Orchesters, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine lebendige jüdische Gegenwartskultur in München zu schaffen, Kinder aus allen drei monotheistischen Religionen zusammen. Genau wie die Geschichte um Noah, der auf seiner Arche Mensch und Tier vor dem Untergang durch die Flutkatastrophe rettet, zum Glaubensschatz von Christentum, Judentum und dem Islam gehört. Eine Geschichte allerdings, die in Ursuliaks Inszenierung neu akzentuiert wird: So kommt der Frau Noahs (Freya Apffelstaedt), neben Gott und Noah eine von drei Rollen, die in der Opernschule mit jungen Profis besetzt sind, deutlich mehr Gewicht zu: Bei Britten ist sie noch die lästernde Trinkerin und Quertreiberin. Hier wird sie in ihrer Weigerung, ihre Freunde zurückzulassen, zur einzigen Figur, die sich dem göttlichen Befehl nicht bedingungslos unterwirft und selbst denkt. Denn auch darum geht es in diesem musikpädagogischen Projekt, das Kinder aus unterschiedlichen Lebenssituationen zusammenbringt: sich selbstkritisch zu fragen, was mit denen passiert, die es nicht schaffen und was das für die Gesellschaft bedeutet.

Opernschule

Die Kinder bekamen fachkundige Anleitung, unter anderem von Dirigent Daniel Grossmann.

(Foto: Robert Brembeck)

Die 15-jährige Ingrid hat in ihrer heilpädagogischen Wohngruppe eine Ausschreibung für das Opernprojekt gesehen. Zuvor hatte sie bereits vier Jahre im Kirchenchor gesungen. Nun hat sie den Schritt zur Solistin gewagt. Die Sopranistin singt die Partie der Frau Jaffett, der Schwiegertochter von Noahs Sohn. Natürlich sei es anstrengend, jeden morgen früh aufzustehen um pünktlich bei der Probe zu sein, sagt die 15-Jährige. In einem Jahr möchte sie ihren Schulabschluss machen. Aber der Spaß an der Arbeit mit anderen Jugendlichen wiegt das auf. Unter den übrigen Solisten hat Ingrid während der Proben Freunde gefunden und schon gemeinsame Pläne geschmiedet: "Wir wollen eigentlich noch vor der Premiere zusammen Essen gehen", sagt die Fünfzehnjährige.

Und wenn am Samstagabend die Scheinwerfer die Bühne in der Reithalle in ein blaues Licht tauchen und Noahs Bariton (Christian Beutel) "die Flut ist nah" dröhnt, während sich der Kinderchor um ihn drängt, dann dürften auch die Mühen der Probe für einen Moment vergessen sein.

Noahs Flut, Opernschule des Jewish Chamber Orchestra, Samstag, 2. November, 17 Uhr, Reithalle, Heßstraße 132

© SZ vom 02.11.2019
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