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Klassik:Trauer und Hoffnung

Europakonzert Berliner Philharmoniker

Musikalische Vereinzelungsanlage: Kirill Petrenko dirigiert einige Berliner Philharmoniker im "Europakonzert" am 1. Mai.

(Foto: Monika Rittershaus/Stiftung Berliner Philharmoniker)

Das Europakonzert der Berliner Philharmoniker hätte in Israel stattfinden sollen. Nun wurde es in Kammerbesetzung im Fernsehen übertragen. Ein fulminantes Erlebnis.

In dunkler Trauer wühlt sich Samuel Barbers berühmtes Adagio auf den Höhepunkt zu, auf dem die Musik abbricht. Das Gesicht des Dirigenten Kirill Petrenko ist während des kurzen Stücks von Schmerz gezeichnet. Beim Abbruch wendet er seinen Blick, Petrenko gleicht da den Büßern auf Barockgemälden, in der Berliner Philharmonie nach oben, wie zu einem stummen Gott, der selbst in der größten Not nicht helfen mag.

Seit 30 Jahren veranstalten die Berliner Philharmoniker immer am 1. Mai immer ein Europakonzert jenseits von Berlin, es wird von ARD live übertragen. Das Orchester wurde am 1. Mai 1882 gegründet, nach dem Fall der Mauer stand ihm dann erstmals der Weg wieder offen in ein Europa ohne Grenzen. Dieses Jahr wollten die Berliner in Tel Aviv auftreten, während des Israel-Besuchs von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Die Seuche zwang Philharmoniker und Steinmeier in Berlin zu bleiben, sie erzwang eine Höchstzahl von nur fünfzehn Musikern mit zwei Metern Abstand auf der Bühne, sie erzwang die Abwesenheit des Publikums.

Fünfzehn Musiker, selbst wenn es sich um die besten der Berliner Philharmoniker handelt, sind nicht die Berliner Philharmoniker, sondern ein Kammermusikensemble. Weil aber Kirill Petrenko, der Chefdirigent der Berliner, mit dabei war, weil Gustav Mahlers zuletzt die Musik und ihre Wunderkraft feiernde Vierte Sinfonie (in Kammerbesetzung) gespielt wurde, so wurde diese Matinée doch zu einem Konzert der Berliner Philharmoniker. Es ist das bisher wichtigste Konzert im Leben Petrenkos, weil es zu einem Fanal der Hoffnung gegen den zunehmenden Seuchenfrust wurde und weil es einen Weg aufzeigte, wie klassische Konzerte die nächste Zeit aussehen könnten.

Vor dem Mahler hatte Petrenko Modernes gesetzt: die sich in der riesigen und leer sehr halligen Philharmonie (jedes Schnaufen der Musiker, die Lüftung und der Versprecher des Präsidenten bei der Nennung des Ensembles waren gut zu hören) verästelnden "Ramnifications" von György Ligeti, Arvo Pärts Mittelalter-Schlichtheit und Gemeinschaftsgefühl beschwörendes Erfolgsstück "Fratres" und eben das Barber-Adagio. Alles kleinbesetzte Musiken nur für Streichinstrumente.

Mahlers Vierte ist im intimen Format sogar besser als mit großem Orchester

Vermutlich haben schon etliche Menschen erfahren, dass unter den derzeitigen (lebens-)bedrohlichen Umständen Kunst sehr viel stärker wirkt als vor zwei Monaten. So kam es, dass diese drei sich in ihrem dunkel schleppenden Gestus ähnlichen Stücke bei Petrenko einen Anstrich von Requiem erhielten. Requiem aber meint nicht nur Entsetzen angesichts des Todes, sondern auch Trauerarbeit und Hoffnung. Das alles boten Petrenko und seine Berliner.

In den großen Momenten konnte der Kritiker denn auch vor dem Bildschirm die albernen Aspekte des Konzerts vergessen: den fernsehtypisch unpassend mit Musik unterlegten Pausenfüller, Vor-, und Nachspann, die Moderation, die Verbeugungen der Musiker vor dem unsichtbaren Publikum, die leeren Ränge. In den großen Momenten war dieses Konzert, obwohl klanglich ungewöhnlich, große Kunst und damit kritiktauglich. Petrenko und die Seinen schafften es immer wieder, alle lästigen Umstände, die Seuche eingeschlossen, vergessen zu lassen.

Mahlers Vierte profitierte von diesen widrigen Umständen am meisten. Das Stück ist die intimste, am wenigsten verquälte und heiterste der neun Mahler-Sinfonien. Nur mit Streichquintett, drei Bläsern, zwei Flügeln, Harmonium und Schlagwerk gespielt, werden die Substanz und das kompositorische Raffinement Mahlers sehr viel besser hörbar als in der beschönigend wattierenden Orchesterfassung. Aber auch die Nähe zu Folklore, Heurigenmusik und Schrammeln. Der Sologeier spielte all jene im modernen Konzertbetrieb nur verschämt ausgeführten Glissandi der Partitur mit größter Lust und Akkuratesse. Plötzlich war ein Stück jener Wiener Gemütlichkeit spürbar, der Mahler aufs tiefste misstraute und gegen die er all die Brüche, Schründe und Untiefen seiner Musik schleuderte.

Zuletzt formulierte die Sopranistin Christiane Karg Mahlers Vision von der jenseitig paradiesischen Kraft der Musik: dunkel präsent, leise nachdrücklich, elegant unabweislich. Alle Musiker spendeten ihre Gage für die an den europäischen Grenzen unter unwürdigsten Bedingungen festsitzenden Flüchtlingskinder, die jetzt unter Seuchenbedingungen von den europäischen Politikern und Bevölkerungen noch mehr vergessen werden als früher. So gelang den Berliner Philharmonikern das, was man von dem führenden und bekanntesten Orchester Deutschlands erwarten muss: Sie zeigten einen Weg, wie die Klassik mit dieser Krise umgehen kann und positionierten sich zugleich politisch gegen Fremdenfeindlichkeit und Unmenschlichkeit. Und das alles wurde, Kirill Petrenko sei Dank, auf einem künstlerisch fulminanten Niveau formuliert.

© SZ vom 02.05.2020

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