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Plácido Domingo wird 80:Meister der Superlative

Placido Domingo in München, 2007

Nur noch auf Aufnahmen zu hören: Plácido Domingo.

(Foto: Stephan Rumpf/Stephan Rumpf)

Zu seinen erfolgreichsten Rollen zählte der Otello, inzwischen steht Plácido Domingo immer seltener auf der Bühne. Nun wird der Opernsänger 80 Jahre alt.

Von Reinhard J. Brembeck

Im Jahr 1975 sang in Hamburg ein in Madrid geborener und dort sowie in Mexiko aufgewachsener Tenor die emotional umfassendste und kräftemäßig anspruchsvollste aller Tenorrollen: den Otello von Giuseppe Verdi. Plácido Domingo, der nun seinen 80. Geburtstag feiert, war damals 34 Jahre alt und katapultierte sich live in die Reihe seiner größten Otello-Vorgänger: Francesco Tamagno, Giovanni Zenatello, Enrico Caruso, Aureliano Pertile, Giovanni Martinelli, Ramón Vinay, Mario del Monaco und Jon Vickers.

Otello ist ein Schwarzer, ein bildungsferner und emotional wenig gefestigter Militär, der einem Patrizier gegen dessen Willen die Tochter wegheiratet, dümmsten Einflüsterungen und der noch dümmeren Eifersucht erliegt und zuletzt seine Frau erwürgt.

Gut 200 Mal hat Domingo, Meister der Superlative, den Otello gesungen, er hatte fast 150 Opernpartien im Repertoire, absolvierte 1988 seinen 2000. Bühnenauftritt, hat zwei Opernhäuser geleitet und ist, als ihn die Tenorkräfte nach und nach verließen, nicht von der Bühne gewichen, sondern zurück ins tiefere Bariton-Fach gewechselt, in dem er einst seine Karriere begann. Nachdem zahlreiche Vorwürfe wegen sexueller Belästigung, die zwanzig Frauen glaubhaft gegen ihn erhoben haben, bekannt wurden, endete sein Bühnenleben.

OTELLO, Justino Diaz, Placido Domingo, 1986, (c)Cannon Films/courtesy Everett Collection Cannon Films/Courtesy Everett C

Plácido Domingo (r.) und Justino Diaz in Franco Zeffirellis Otello-Verfilmung von 1986.

(Foto: Cannon Films/imago)

Domingo hatte live eine packende Bühnenpräsenz, seine nach und nach dunkler werdende, warme Stimme bahnte sich umstandslos den Weg ins limbische System seines Publikums. So wurde er vor Anna Netrebko und Jonas Kaufmann der erfolgreichste und beliebteste Opernsänger der Welt. Mit seinen fast genauso erfolgreichen Tenorkollegen Luciano Pavarotti, an dessen erotische Lyrik Domingo nie ganz heranreichte, und dem immer eleganten José Carreras tourte er in einer anfangs witzigen, dann zunehmend nur noch auf Hype und Pop bedachten "Drei Tenöre"-Show durch die Arenen.

Domingo als Otello ist beeindruckend, klingt aber nie ganz frei

Wer derzeit Domingo hören will, der ist auf seine unzähligen Aufnahmen angewiesen, die allesamt nur einen schwachen Eindruck seiner elektrisierenden Live-Auftritte vermitteln. Zumal Domingo weder Experimenten, noch dem modernen Musiktheater zugetan war. Anders als Alfred Kraus und Carlo Bergonzi war er auch kein Sänger der Belcanto-Subtilitäten. Den Otello hat er 1986 in der Verfilmung von Franco Zeffirelli gesungen, der den eifersüchtigen Feldherrn schwarz anmalte und in zeitlose Opernkostüme steckte.

Aufnahmen sind grausam, zumal sich fast immer noch bessere finden lassen. Domingo als Otello ist beeindruckend, klingt aber nie ganz frei. Zudem fehlt ihm einiges von dem Furor und der dunklen Zerrissenheit, die etwa Jon Vickers und Ramón Vinay in dieser Rolle entfaltet haben. Das Schlimmste für einen Sänger ist, dass er bereits ein erstes Mal stirbt, wenn er auf den ihm angestammten Bühnen verstummt und damit sein weltlicher Ruhm zu verblassen beginnt. Aus den Ohren, aus dem Sinn. Was sogar für Domingo gilt, der ansonsten alle Regeln seines Metiers außer Kraft gesetzt oder es zumindest versucht hat.

© SZ/cag
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