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Klassik:Musik entsteht in der Seele

Der Raum spielt mit - Magdalena Kožená als Mélisande in der halbszenischen Aufführung.

(Foto: Monika Rittershaus)

Simon Rattle und Peter Sellars überwältigen mit "Pelléas et Mélisande" in der Berliner Philharmonie. Claude Debussys Musik berührt hier zutiefst - es ist eine Flüchtlingsoper.

"Wo kommt Ihr her?", fragt Prinz Golaud zu Beginn der Oper die furchtsame Mélisande, die stammelt: "Geflohen bin ich, geflohen, geflohen. Ich bin verloren, verloren! Ich stamme nicht von hier, wurde nicht hier geboren." Eine Flüchtlingsoper, die Empathie erzwingt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sitzt im Block A der Berliner Philharmonie und erlebt, den Ehemann an ihrer Seite, "Pelléas et Mélisande" von Claude Debussy - dreieinhalb Stunden lang die traumatische Atmosphäre des französischen Anti-Tristan, den Simon Rattle dirigiert. Und den der Amerikaner Peter Sellars mit großartigen Darstellern in eine halbszenische Handlung verwandelt, zur Verzauberung des Publikums.

Die Berliner Philharmoniker leisten sich in der laufenden Spielzeit als Artist in Residence keinen Musiker, sondern diesen Peter Sellars, den Raumkünstler und Regisseur. Sellars verdichtete in der Berliner Philharmonie schon Bachs Matthäus- und Johannes-Passion zu Ideendramen der Körper und Geister, beim Gastspiel in New York wurden diese Aufführungen als Sensation bejubelt. Nun hat er sich Debussys einzige Oper "Pelléas et Mélisande" vorgeknöpft. Scharouns geniale Konzertsaallandschaft macht er zum Mitspieler und die Sänger zu aufgewühlten Akteuren. Gerade dies handlungsarme, klangfarbenschimmernde, nur in seinem Innern tobende Stück, das in einem verwunschenen Wald spielt, eignet sich für die semikonzertante Aufführung.

Es gibt darin keine schönen Arien, Chöre und kunstvollen Ensembles, nur den rezitativischen Gesang, darunter braust und brodelt es im Orchesterstrom einer symphonischen Musik, die - anders als bei Wagner - einem Redeverbot zu folgen scheint. "Die Musik beginnt da, wo das Wort unfähig ist, auszudrücken", schreibt Debussy, "Musik wird für das Unaussprechliche geschrieben; ich möchte sie wirken lassen, als ob sie aus dem Schatten herausträte und von Zeit zu Zeit wieder dahin zurückkehrte; ich möchte sie immer diskret auftreten lassen." Rattle und die Berliner Philharmoniker führen die poetische Diskretion der "Pelléas"-Partitur als ein Wunderwerk reichhaltigster Stimmungen vor, mit scharfen Bläsermotiven und dramatischer Intensität im Tutti, mit einem schier körperhaften Klang.

Eine märchenhafte Flüchtlingsoper. Und wundersam schwebt die Musik

"Drame lyrique" nannte der Komponist 1902 seine Oper nach dem symbolistischen Bühnenstück Maurice Maeterlincks. Debussys Libretto reicht von der reinen Naturlyrik bis in die tiefenpsychologische Durchdringung der Seelen dreier heillos ineinander verkeilter Menschen. Es berührt zutiefst, wie Peter Sellars die existenziellen Konflikte von Golaud (Gerald Finley) und seinem Bruder Pelléas (Christian Gerhaher) aufdeckt, die dem unsagbaren Leid des Mädchens Mélisande (Magdalena Kožená) in ungleich heftiger Zuneigung nachspüren.

Wobei Sellars den Raum der Philharmonie in eine dramatische Spannungslage versetzt: Vor dem Orchester hat er einen schlichten dunklen Kubus platziert, auf dem sich Mélisande ihrer Einsamkeit und Pelléas seiner Liebe und Seelennot bewusst werden. Magdalena Kožená kann beide Seiten des Mélisande-Geheimnisses mit betörendem Timbre aufladen, sich mit all ihrer Lebenskraft sowohl dem scheuen Mädchen als auch der furchtlosen Frau anverwandeln. Christian Gerhahers hell erstrahlender Bariton und seine überraschend lebhafte Aktionsgestik spiegeln junge Impulsivität und die Kampfeslust drängender Liebe samt deren zuletzt tiefer Resignation und Versehrtheit. Und der Regisseur hetzt diesen Liebhaber wider Willen durch den philharmonischen Konzertsaal - über die erleuchteten Stufen und abgedunkelten Seitengänge der Publikumsblöcke, von unten nach oben und wieder zurück. Die Philharmonie selbst wird, auch dank wechselnder Lichtkonstellationen und der Farbleuchtstäbe, zu einer Raumskulptur.

Die umdüsterten Gefühlssituationen um Figuren wie Geneviève (Bernarda Fink) und König Arkel (Franz-Josef Selig) rücken durch Peter Sellars' Personenführung ins greifbar Nahe, ins Atemlose. Stärker als Familienzwist, Eifersucht, Zorn und am Ende der Tod ist hier das Universum der verbotenen Liebe zweier bedrückter Menschen - durch Claude Debussys wundersam schwebende Musik. Die märchenhafte Flüchtlingsoper macht süchtig nach verlorenem Glück.