Klassikkolumne:So viel Menschlichkeit

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Klassikkolumne: Elsa Dreisig lotet auf ihrem neuen Album musikalischen Seelentiefen der Mozart-Frauen aus.

Elsa Dreisig lotet auf ihrem neuen Album musikalischen Seelentiefen der Mozart-Frauen aus.

(Foto: imago images/APress)

Die Seelentiefe von Mozarts Frauenfiguren, Brahms einfühlsam und hellwach, sowie jüdische Musik, gespielt vom Cellisten Edgar Moreau: Das sind die Klassik-CDs der Woche.

Von Julia Spinola

Als Zerlina, "Figaro"-Gräfin und Fiordiligi hat die Sopranistin Elsa Dreisig das Publikum als Mozartsängerin bereits auf der Opernbühne hingerissen. Auf ihrer neuen CD versenkt sie sich jetzt in neun weitere Frauencharaktere aus Mozarts Opern und weckt damit höchste Erwartungen. Elsa Dreisig beweist einmal mehr, dass sie nicht nur über einen betörend charaktervollen lyrischen Sopran verfügt, sondern auch über musikalische Klugheit, dramatische Energie und eine enorme Wandlungsfähigkeit. Ihr Timbre kann sie silbrig schillern lassen und dann wieder wunderbar dunkel grundieren. Wenn sie die musikalischen Seelentiefen der Mozart-Frauen auslotet, gibt es Geheimnisse und doppelte Böden zu entdecken, denn ihr Ausdruck reicht weit über die Stereotypen des Mozartgesangs hinaus.

Was für eine Verletzlichkeit nimmt man plötzlich in den Koloraturen am Ende der Arie "Mi tradì quell'alma ingrata" wahr: Elsa Dreisig denkt gar nicht daran, die betrogene Donna Elvira als altertümlich wütende Xantippe zu denunzieren, sondern überlässt sie einem aufgelösten Schmerz, einer Verwirrung, die berührt. Im April wird Dreisig an der Berliner Staatsoper ihr Bühnendebüt in dieser Partie geben. Je drei Partien aus den drei Da Ponte-Opern hat sie für ihre CD ausgewählt, dazu noch einige Nummern aus den Seria-Opern "Idomeneo", "Lucio Silla" und "La clemenza di Tito". Präzise und zugespitzt begleitet wird sie vom Kammerorchester Basel unter Louis Landrée. (Erato)

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Der Brite Paul Lewis, ein einstiger Meisterschüler von Alfred Brendel, ist kein Pianist, der in seinem Klavierspiel die Extreme sucht. Es gibt zweifellos weit exzentrischere Aufnahmen der späten Klavierwerke von Johannes Brahms. Die Tempi, die Lewis in den Capriccios der Fantasien op. 116 wählt, mögen aufs Erste recht gemäßigt wirken und das "Allegro risoluto", das die Rhapsodie der Klavierstücke op. 119 eröffnet, trumpft nicht mit grandioser Geste auf. Wer aber genauer hinhört, der wird dafür in diesen Aufnahmen mit einer subtil aufgefächerten Farbigkeit, einer Aufrichtigkeit und einer Intimität des Ausdrucks belohnt, die bemerkenswert sind. Lewis leuchtet die Abgründe und die tiefe Einsamkeit, die aus diesen Stücken spricht, behutsam und voller Wärme aus, ohne sie spektakulär oder grell auszustellen. Er spielt einen melancholisch verhangenen Brahms voller Menschlichkeit. (Harmonia mundi)

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Hellwach, zugespitzt und mitreißend dramatisch klingen dagegen Brahms' Sonaten für Violine und Klavier, wenn sich der Geiger Aylen Pritchin und der Pianist (und Dirigent) Maxim Emelyanychev als Duo zusammentun, wie erstmals für diese CD. Beide musizieren sie auf historischen Instrumenten: einer Jacques Boquay-Violine von 1725 und einem Steinway von 1875. Ihr elektrisierend spannungsreiches Spiel räumt wohltuend mit dem Brahms-Klischee eines schwermütigen Gelehrten auf. Das Scherzo aus der F.A.E.-Sonate, das Brahms als Zwanzigjähriger komponierte, stürmt mit einem jugendlichen Feuer sondergleichen voran. Dieses Feuer lodert auch in den Sonaten der Reifezeit immer wieder auf und prägt frei von jeder polternden Wuchtigkeit noch das vibrierende Presto agitato der 3. Violinsonate des 56-jährigen Brahms. Den lyrischen Sätzen der Sonaten verleihen Pritchin und Emelyanychev in ihrem phänomenal differenziert aufeinander abgestimmten Spiel eine spontane Gesanglichkeit, als wäre ihnen diese Musik gerade so eingefallen. (Aparté)

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Michael Sanderling hat als neuer Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters ambitionierte Pläne. Er möchte das Orchester in größerer Besetzung konsequent an das romantische und spätromantische Repertoire heranführen und zugleich seinen kammermusikalischen Geist erhalten. Nun ist, gemeinsam mit dem jungen französischen Cellisten Edgar Moreau, die erste CD erschienen. Sie widmet sich unter dem Titel "transmission" (Weitergabe) einem jüdischen Programm. Neben Korngolds überbordendem Cellokonzert steht Musik von Ernest Bloch im Zentrum: die für Orchester bearbeitete Cello-Suite "From Jewish Life" und das große Klagelied seiner programmatischen Orchesterrhapsodie "Schelomo".

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Beide Werke gewinnen in Sanderlings atemvollen, episch ausgreifenden und klanglich fein ausgehörten Interpretationen eine große Eindringlichkeit und perspektivische Tiefe. Moreau kann zart und voller Wärme singen auf seinem Cello und in jenen Stücken, die wie Ravels "Kaddish", Bruchs "Kol nidrei" oder das "Prayer" aus Bruchs "From Jewish Life" auf Melodien aus dem jüdischen Gottesdienst zurückgreifenden, bemüht er sich um eine rhetorische Innigkeit, die jedoch stellenweise ein wenig leidenschaftslos und blass bleibt. (Erato)

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