Klassikkolumne:Musik für das denkende Ohr

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Klassikkolumne: Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker haben die zweite Symphonie von Bruckner eingespielt.

Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker haben die zweite Symphonie von Bruckner eingespielt.

(Foto: Sony)

Ein Bach-Experiment, ein Bruckner-Zyklus, Mozart-Einspielungen - und die Rätselfigur Domenico Scarlatti

Von Wolfgang Schreiber

"Musik für das denkende Ohr" will der von Frank Gehry gebaute Boulez-Saal in Berlin als "Vision" etablieren. Aber ein denkendes Ohr muss alle möglichen Kontakte der Musik knüpfen: akustische, philosophische, historische.

Also hatte der Belgier Julien Libeer eine ungewöhnliche Idee. Er griff nach den Präludien und Fugen von Bachs Wohltemperiertem Klavier, nur die in den Dur-Tonarten von Teil eins, und schob nach jeder Fuge je ein nach Bach entstandenes Stück in der gleichnamigen Moll-Tonart hinein - von Mozart über Brahms bis Schostakowitsch. Lauter bunte Blätter in der Annahme, aus Bach & Beyond entstünde eine "wohltemperierte Konversation". Zuweilen eine spannende, da aus den "Unterhaltungen" sogar Konfrontationen oder Fehden werden können. So wenn nach Bachs C-Dur-Paar Beethovens wenig bekannte c-Moll-Bagatelle ohne Opuszahl erklingt, an der Libeer den "obsessiven Rhythmus" schätzt. Im Booklet erklärt er minutiös sein Vorgehen. Oder wenn nach Bachs A-Dur György Ligeti erklingt, eine Petitesse aus seiner Musica ricercata, die trotzig nur auf dem A bohrt. Wie obskure Fortschreibungen Bachs klingen Chopins cis-Moll-Mazurka oder Ravels e-Moll-Fuge aus dem Tombeau de Couperin. Mit Neugier lauscht man Miniaturen von Mozart, Busoni und Reger, von Rachmaninoff oder Fauré. Endlich der Coup: Nach der letzten Bach-Fuge in h-Moll lässt Libeer sein Spiel mit Schönbergs blitzartig-atonal Kleinen Klavierstücken op.19 ausklingen. So ein Bach-Experiment gelingt aus zweierlei Gründen. Erstens spielt Julien Libeer, Schüler von Maria Joao Pires, Bach und die posthumen Partner mit geschmeidiger Artikulation, ausgereifter Pianistik. Zweitens entfalten sich aus der historisch-ästhetischen Mixtur mancherlei Aspekte, die illustrieren, wie großartig der Bach-Kosmos die späteren Komponisten herausgefordert und beflügelt hat (harmonia mundi).

Die Wiener Philharmoniker verabreden sich gern mit Christian Thielemann, dem sie einen neuen Bruckner-Zyklus verdanken, aufgestockt jetzt mit der seltener gespielten zweiten Symphonie in c-Moll. Auch wenn dem Meister von St. Florian permanent das Klischee von Klangpomp und kathedralhaft frommer Feierlichkeit aufgehalst wird - allein seine geistige Konzentration, ja Kraft bleibt die Herausforderung für "denkende Ohren". Bruckners Genie der motivischen Kombinatorik, die er einbettet in Klangschönheit, reicht an Bach heran. Das macht Thielemann mit den vier Sätzen der fiebrig brodelnden Zweiten hörbar. Da formt er das Beziehungsnetz polyphon gedachter Zusammenhänge stabilisierend zu großen nuancierten Klangbögen, ohne mystifizierendes Pathos. Thielemann besitzt den Atem, um die symphonischen Dimensionen der hintergründigen Bruckner-Musik mit ihren melodisch aufblühenden Finessen organisch zu verschmelzen (Sony).

Eine kalendarisch denkende Programmidee als Zugriff auf Wolfgang Amadé Mozart und sein riesiges Köchelverzeichnis? Das kann funktionieren, wenn seine Musik etwa nach dem Entstehungsjahr 1785 sortiert wird. Daraus entstanden sechs Einspielungen, mit denen der Pianist Leif Ove Andsnes Höhepunkte aus dem hochproduktiven Lebensjahr Mozarts präsentiert. Das sind drei Klavierkonzerte, die Schwergewichte Köchel 466, 467 und 482, für die der Pianist aus Norwegen gemeinsam mit dem filigranen Mahler Chamber Orchestra, das er vom Flügel aus leitet, Präzision und Empfindungsstärke mobilisiert. Die c-Moll-Fantasie KV 475 gelingt dem Pianisten in ihrer düsteren Dramatik mit dem Anflug von Tiefgang. Die Maurerische Trauermusik ist die beklemmende Zugabe, anders als das in feinster Brillanz auftrumpfende Klavierquartett in g-Moll. 1785 triumphierte Mozarts schöpferische Kraft (Sony)

Die Rätselfigur Domenico Scarlatti, neapolitanischer Barockkomponist, nach Spanien ausgewandert und als Privatcembalist der Königin in Madrid nur noch mit seinen 555 einsätzigen Klaviersonaten beschäftigt, hat es dem Musiker Ulrich Eckhardt angetan. Der ausgebildete Pianist und Jurist, von 1973 an Jahrzehnte Intendant der Berliner Festspiele, hat sich auch im hohen Alter noch Lust, Kraft und genügend Unruhe des Musizierens bewahrt. Nach seiner Satie-CD und den von Jutta Lampe gelesenen Michelangelo-Gedichten mit Klaviermusik von Frederic Mompou, hat sich Eckhardt auf Scarlatti gestürzt. Er spielt, Konzert-Mitschnitte in Berlin-Dahlem, die Scarlatti-Preziosen als "eine profane Kunstmusik", so schreibt er, "die sich an keiner Stelle zu Repräsentationszwecken herbeilässt". Als Liebhaber, der dem Klavier ohne den handelsüblichen Virtuositätsdruck, umso mehr dem frei zwischen Kalkül, Pathos und Ironie navigierenden Komponisten Scarlatti zugetan ist, liefert dessen Interpret Studien einer sich als Moderne nach vorn denkenden "Alten" Musik (Note & Ton).

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