Klassik Man kann auch mit dem Kopf fühlen

George Szell herrschte als unangefochtener Diktator 62 Jahre lang in der Welt der Klassik. Jetzt erschien sein Lebenswerk auf 106 CDs.

Von Helmut Mauró

Cleveland war dank seiner Öl- und Stahlindustrie viele Jahrzehnte lang eine schwerreiche Stadt. Was wie immer bedeutet, dass nicht alle reich waren, dafür aber einige über die Maßen. Mit dem Wohlstand wuchsen die Ansprüche, und der Wettbewerb mit Chicago, Pittsburgh, Boston und New York beschränkte sich nun nicht nur auf die Chefetagen der Konzerne, sondern erlebte seine Fortsetzung bald auch in der Etappe, zum Beispiel in den Konzerthallen, die Ablenkung und Erholung bringen sollten. Im Gegensatz zu Rockefellers Ölfirmen spielte das Symphonieorchester von Cleveland, um es vorsichtig zu sagen, nicht ganz vorne mit. Eines Tages, der Zweite Weltkrieg war gerade erfolgreich zu Ende gegangen, beschloss das Board der Musical Arts Association in Cleveland kurzerhand, dies zu ändern.

Das Cleveland Orchestra sollte mit seinen Darbietungen nie mehr hinter denen der Orchester von New York oder Boston zurückstehen. So ungefähr lautete die Stellenausschreibung für den neuen Chefdirigenten. 1946 war es dann so weit. Man hatte einen vielversprechenden Ungarn gefunden, der sich nun ganz amerikanisch George Szell nannte. Der konnte bereits einiges vorweisen. 1908 hatte er sein Debüt als Komponist und Pianist gegeben, drei Jahre später, mit vierzehn, unterschrieb er bei der legendärer Wiener Universaledition einen Zehnjahresvertrag als Komponist. Seine Lehrer waren der Brahms-Freund und Herausgeber Eusebius Mandyczewski und Max Reger. Mit sechzehn dirigierte er das Wiener Symphonieorchester, siebzehnjährig die Berliner Philharmoniker mit einer eigenen Komposition.

Richard Strauss holte ihn als Korrepetitor an die Berliner Staatsoper, und so ging es immer weiter, bis zum ersten Kapellmeister der Berliner Staatsoper, Leiter des dortigen Rundfunksinfonieorchesters und einer Professur. 1933 schien alles vorbei zu sein in Deutschland, Szell übernahm das Scottish National Orchestra, gleichzeitig das Orchester von Den Haag, wurde Opernchef in Prag. Bei Ausbruch des Krieges 1939 packte er endgültig seine Koffer und zog mit seiner Familie nach New York. Toscanini gewährte ihm Gastdirigate bei seinem NBC Orchestra, auch an der Metropolitan Opera und schließlich beim New York Philharmonic Orchestra stand er am Pult. Aber er war längst kein Wunderkind mehr, sondern schon fast 50 Jahre alt.

"Szell ist kein bequemer Mann", resümiert der Verhandlungsführer

Bisher ging es immer nur in eine Richtung: nach oben. "Mit zwölf oder dreizehn war ich ein fast vollwertiger Musiker", soll er einmal gesagt haben. Das ist nicht unmöglich. Mozart hat mit vierzehn sein erstes ernst zu nehmendes Bühnenwerk geschrieben, und auch andere Musiker von Rang, man denke etwa an die Chopin-Einspielung von Evgeny Kissin 1984, hatten früh einen Grad abgerundeter Reife erreicht, dem andere ein Leben lang hinterjagen. George Szell wusste, dass er nun dringend eine längerfristige Bindung an ein Orchester brauchte, um seine hochtrabenden Künstlerträume endlich vollständig verwirklichen zu können. Und diese Chance gab ihm das ehrgeizige Board of Musical Arts Association in Cleveland.

Wenn auch nicht leichten Herzens. "Szell ist kein bequemer Mann", resümierte der Vorsitzende Thomas Sidlo nach den Vertragsverhandlungen. "Er ist ein Arbeitstier, ein verbissenes Arbeitstier, ein Künstler, der sich seiner Kunst in einem Maße hingibt, dass für ihn nur Höchstleistungen akzeptabel sind." Damit hat Sidlo im Eifer des Gefechts doch etwas untertrieben. Nota bene: Szell blieb bis zu seinem Tod 1970 Musikchef in Cleveland. Und er hat sein Versprechen gehalten, Cleveland in die erste Reihe der großen Orchester zu bugsieren. Sein Motto: "Wo andere aufhören, fangen wir an." Und gehen dann schnurstracks weiter. So jedenfalls klingen die Ergebnisse dieser enormen Orchesteranstrengung, die nun auf 106 CDs (Sony) zu bestaunen ist; 92 Aufnahmen davon mit neuester Technologie remastered. Spätestens jetzt kann man leicht nachvollziehen, warum sich George Szell als einer der prominentesten in die beeindruckende Reihe großer Dirigenten einreihen kann, die aus Ungarn stammen: Fritz Reiner, Eugene Ormandy, Ferenc Fricsay, Antal Doráti, István Kertész, Georg Solti, und allen voran natürlich der große Arthur Nikisch.

Szell gehörte zu jener Generation von Pult-Diktatoren, die aus einem Haufen von mehr als 100 individuell gestimmten Musikern einen homogenen Apparat machen, den sie dann wie eine gut geölte Maschine nach Lust und Neigung bedienen konnten. Dabei schafften sie es, nicht nur das Publikum in Bann zu ziehen, sondern sogar die Kritiker. Kaum einer getraute sich einen kritischen Einwurf, fast alle arbeiteten sich ab an der Größe und Herrlichkeit des Maestros. Die erste ernsthafte Kritik über Arturo Toscanini erschien 30 Jahre nach dem Tod des Tyrannen. Die Götter des Taktstocks schienen nicht nur über unbegrenzte spirituelle Kräfte zu verfügen, sondern nebenbei auch über einen schier unersättlichen sexuellen Appetit. Dieser hätte auch eine "Me Too"-Überprüfung bestanden, denn die Frauen rissen sich darum, nach dem Konzert (bei Furtwängler, dem sanften Beschwörer, unmittelbar davor) von den Maestri in der Garderobe empfangen zu werden. Szell dagegen hielt sein Privatleben stets bedeckt. Und anders als bei wirklichen Diktatoren, war die Herrschaft dieser Maestri auf schier unerschütterlicher Kompetenz gegründet.

Es waren tatsächlich Genies, die hier am Werke waren. Szell zum Beispiel hörte sofort, ob ein Instrument den Kammerton a auf 420 oder 424 Herz gestimmt hatte. Seine analytische Präzision war gefürchtet, die Musiker nannten ihn den "Chemiker". Weil er wirklich jeden Klang, jede Zehntelsekunde eines Klangs in seine Atome zerlegte und von den Musikern mühevoll zusammensetzen ließ. Die hohe US-amerikanische Bläserkultur half ihm dabei, mit seinem Cleveland Orchestra im Gesamtklang einen Grad an Perfektion zu erreichen, der schier einzigartig ist. Egal, ob ein dünn besetztes Mozart-Divertimento oder Wagners üppige "Lohengrin"-Ouvertüre - dieser Orchesterklang ist der Traum jedes Musikliebhabers. Nie zu dick aufgetragen, immer im Maß des Sinnvollen, stets von innen heraus entwickelt zu einer Abfolge dramatischer Hoch- und Tiefpunkte, eines vollkommen organischen Auf- und Abschwellens, alles aus einem Guss, alles aus einem großen Gedächtnis heraus, das jedem einzelnen Ton durch die feste Einbettung in eine große Klangerzählung seinen Sinn gibt.

Musikern kann man das leicht klarmachen, aber dies einem weniger hörerprobten Publikum zu vermitteln, das ist so eine schwer nachzuahmende Leistung, die jene Maestri zu Göttern heranwachsen ließ. Karajan erzählte einmal, dass er versuchte, dies von Arthur Nikisch abzuschauen und ihm gleichzutun. Aber es sei ihm nicht gelungen. Aber Karajan war auch, entgegen vielen kolportierten Klischees, viel zu wenig Tyrann, um diese Strategie erfolgreich zu kopieren. Er hätte wohl kaum wie George Szell von seinen Musikern verlangen können, auf Tournee die Galagarderobe auch außerhalb des Konzertsaals zu tragen. Viele sicherlich mit Stolz, denn das Cleveland Orchestra war inzwischen zu einem der Big Five von Amerika aufgestiegen. Das kam nicht von ungefähr.

Szell warb ohne jede Rücksicht Spitzenmusiker aus anderen Orchestern ab, setzte ungenügende Ensemblemitglieder kurzerhand auf die Straße. In einer frühen Orchesterbiografie kann man lesen: Schon in der ersten Saison richtete er im Orchester ein Blutbad an. Und in der zweiten, muss man ergänzen, saß an jedem ersten Pult ein Musiker, der nicht nur als Orchestermitglied, sondern auch als Solist einsetzbar war. Die Streicher in der ersten Reihe sprach er in den Proben mit ihrem Namen an, die anderen hießen "Mr. Bassoon" oder "Mr. Triangle". Er verpflichtete die Musiker auf neun Dienste pro Woche, und jede Probe war derart ausdauernd, dass bald das Gerücht die Runde machte, Maestro Szell probe nicht nur die Partitur, sondern auch noch die Inspiration. Aus den Vorwürfen des Perfektionismus und Technizismus wurden aber bald bewundernde Lobreden vom großen Orchestererzieher.

Diese besondere Balance von technischer Perfektion und Spiritualität

Die größten Dirigenten der Zeit, Bruno Walter, Dimitri Mitropoulos oder Leopold Stokowski - sie alle stimmten in das Loblied ein. Mit dem Vorwurf technischer Kälte müssen im Übrigen alle perfekten Musiker leben, das ist bis heute so, selbst wenn sie über ihr technisches Vermögen hinaus zehnmal mehr Musiker sind als ihre minder begabten Kollegen. Man versucht, die technischen Grundlagen des Musizierens gegen Charisma, spirituelle Potenz auszuspielen, und landet am Ende doch nur in den Kreisen jener Neider, die Dilettantismus als Spontaneität verkaufen und Esoterik als Inspiration. Sicher, man hat Mozarts Klarinettenkonzert schon dramatischer, aufwühlender, aufbrausender gehört, aber das lag dann vielleicht doch eher am Solisten und nicht unbedingt an einem Orchester, das sich ganz in den Solisten einzufühlen scheint statt umgekehrt. Aber wie schafft Szell auch hierbei diese besondere Balance aus technischer Perfektion und Spiritualität?

"Der Dualismus von Gefühl und Denken", sagte George Szell einmal, "muss in einen Zustand überführt werden, in dem man mit dem Herzen denkt und mit dem Kopf fühlt." Mit dem Kopf fühlen, das klingt so effektheischend dahergesagt, aber wenn man das ernst meint, dürfte es eine der schwierigeren Übungen im Leben sein. Vielleicht muss man dafür sogar das ganze Leben als eine einzige Übung begreifen, so wie das der große Philosoph Peter Sloterdijk einmal in Anlehnung an unsere christlichen Kulturpioniere formuliert hat. Szell hatte diese mönchische Strenge, die doch immer mehr gegen sich selbst gerichtet ist als gegen andere. Das unterscheidet am Ende einen großen Dirigenten von einem großen Diktator.