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Klassik:Lebenspraller Katholizismus

Christina Pluhar und Julia Lezhneva bei den Mozartwochen in Salzburg.

(Foto: Wolfgang Lienbacher; Mozartwochen)

Christina Pluhar und Julia Lezhneva bei den Mozartwochen in Salzburg.

Überglücklich lacht Christina Pluhar nach ihrem Konzert im großen Saal des Salzburger Mozarteums. Sie strahlt den grandiosen Bachchor an, die Orchestermusiker ihres Ensembles L'Arpeggiata, die von der Wundersopranistin Julia Lezhneva angeführten Solisten. Und sie grüßt hinauf zur rechten Seitenempore zu Intendant, Sänger, Autor und Regisseur Rolando Villazón. Der hat sie schließlich in die von ihm betreute Mozartwoche geholt, mit ihm wird sie im Mai Claudio Monteverdis "Orfeo" machen.

Monteverdi, Purcell, Cavalli, Händel, Schütz, Bach, Lateinamerikanisches: Die Welt der 1965 in Graz geborenen Lautenistin, Harfenistin und Ensembleleiterin ist barock. Da ist Pluhar unübertroffen, diese Welt lockt sie mit tänzerischem Groove ins Heute. Jetzt wagt sie den Sprung über den Barock in die Klassik, bietet Mozarts Vesper KV 339, 1780 komponiert, danach ging Mozart nach Wien. Pluhar betont in keinem Moment die Wurzeln dieser Musik im Barock, was, wenn es geschieht, Mozart immer starr und unbeweglich werden lässt.

Pluhar setzt auf die Sinnlichkeit Mozarts, sie favorisiert einen großen, weiten, warmen Klang. Der in der grandiosen Akustik dieses kleinen Saals immer wieder Anton Bruckner zu evozieren weiß. Das ist ein verblüffender Griff in die Zukunft, das ermöglicht eine so nie konstatierte Nähe. Die durchaus einleuchtet, feiern doch Bruckner wie Mozart einen lebensprallen Katholizismus, dem nichts Alltägliches fremd ist. Salzburg, trotz seines gegenreformatorischen Charakters und trotzt der an diesem Abend nach Schnee riechenden Luft in den Gassen, ist für solch einen Katholizismus die ideale Kulisse.

Pluhar schafft es immer wieder, berühmte Sänger in ihre Projekte einzuspannen, ihre Zusammenarbeit mit dem Countertenor Philippe Jaroussky ist überwältigend. An diesem Abend hat sie Julia Lezhneva dabei. Wie viele andere Musiker ist auch Lezhneva von Pluhars antiautoritärem, immer mitreißendem, anfeuerndem und behütendem Dirigieren sichtbar angetan. Lezhneva ist ganz Understatement. Sie kann zwar durchaus aufdrehen wie am Schluss von Georg Friedrich Händels "Cäcilien-Ode". Aber, und das ist nun richtige Zauberei, sie kann auch das genaue Gegenteil. Sie kann ihre Stimme fast verschwinden lassen, dabei die aberwitzigsten Vokalkunststücke und Girlandenfeuerwerke aufführen, und das alles mit einem Blick, der nichts anderes besagt als: "Was habt ihr denn? Was war denn?" Sie kann auch, im "Laudate Dominum" der Mozart-Vesper, eine überirdische Ruhe verbreiten, in der der Weltgeist direkt zu den Menschen zu sprechen scheint.

Pluhar und Lezhneva bringen mit großer Natürlichkeit das Kunststück fertig, in diesen alten Stücken und fast in jedem Moment heutige Empfindungswelten zu entdecken. Da hört Musik auf, Musik zu sein, da wächst ihr jenes weltumfassende Pathos zu, von dem gern geglaubt wird, dass es erst durch Beethoven aufkam. Welch ein Irrtum!

© SZ vom 30.01.2020
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