Süddeutsche Zeitung

Klassik-Konzert:Vom Kampf des Pianisten mit seinem Flügel

Ein Ereignis, nein ein Spektakel: Daniil Trifonovs atemberaubende Interpretationen von Beethoven, Schumann und Prokofjew im Münchner Herkulessaaal.

Von Michael Stallknecht

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das gilt auch für Komponistenwerkstätten, wo Skizzenhaftes, Fragmentarisches, Verworfenes zuhauf abfällt. Ludwig van Beethovens "Andante favori" etwa, das ursprünglich der langsame Satz der "Waldsteinsonate" werden sollte, oder Robert Schumanns "Presto Passionato", das der Komponist als letzten Satz seiner zweiten Klaviersonate vorgesehen hatte, oder die "Bunten Blätter" op. 99, in denen Schumann kleine Stücke zusammenstellte, die im Lauf der Jahre bei anderen Arbeiten abgefallen waren. Muss sich Daniil Trifonov mit so etwas beschäftigen?

Er musste definitiv, wie man bei seinem Auftritt im Münchner Herkulessaal hören kann, und es ist dieses Müssen, mit dem Trifonov erneut den Verdacht bestätigt, dass es sich bei ihm wohl doch um den bedeutendsten Pianisten der jüngeren Generation handelt.

Denn was der 27-Jährige aus vermeintlich Fragmentarischem zusammenfügt, wird unter seinen Händen zu einer Betrachtung über das Phänomen der Zersplitterung, die auch die beiden vermeintlich geschlossenen Sonatenformen des Abends einschließt: Beethovens Klaviersonate op. 31 Nr. 3 im ersten Teil und Sergej Prokofjews achte Klaviersonate im zweiten.

Schließlich passt in Beethovens selten gespielter Es-Dur-Sonate hinten und vorne nichts mehr zusammen, hintertreibt der Komponist wie in einem Akt der Postmoderne avant la lettre die Form mit spielerischer Lust. Trifonov jagt die schnellen Sätze in eine trickfilmreife Raserei, die mühelos das alte Vorurteil zerschlägt, klassische Musik könne nicht komisch sein. Laut auflachen möchte man im Scherzo, in dem er die Ketten von Staccato-Sechzehntel in immer neuen Anläufen gegen die Wand laufen lässt, um gleich darauf ebenso unbeirrt in die Gegenrichtung fortzurennen.

Das Menuett aber lässt er mit unvermuteter Langsamkeit zum eigentlichen Höhepunkt des Werks werden, begreift es schlicht als Reminiszenz an die alte Form.

Was daran bei Beethoven noch Spiel ist, wendet sich bei Schumann ins Innere, in eine erzwungene Fragmentarisierung der romantischen Welt. Wie zögernd tastet sich Trifonov in den verträumteren der "Bunten Blätter" von Akkord zu Akkord, doch klanglich ebenso verschattet bleibt bei ihm die auftrumpfende Seite Schumanns, die andere Pianisten gern als fröhliche Akte von Weltaneignung ausspielen. Und wo anderen Prokofjews achte Klaviersonate gern unter den Händen zerfällt, da findet Trifonov gerade im immer erneuten Ausufern und Wiederaufgreifen verlorener Anfänge die spezifische Form dieses Werks, wobei er selbst im "Andante sognando" des Mittelsatzes ohne jeden Schmalz auskommt.

Es ist also zum einen der schier unerschöpfliche Kosmos von pianistischen Farben, mit dem Trifonov die vielen Gegensätze ausleuchtet und immer aufs Neue überrascht. Der Wechsel von Beethoven zu Schumann, von Schumann dann zu Prokofjew bedeutet bei ihm immer auch das Eintauchen in eine neue Welt.

Mindestens ebenso ausgeprägt aber ist sein Struktursinn, sein Sinn etwa für Temporelationen, mit dem er die Stücke nicht nur in sich zusammenhält, sondern zugleich auch zum schlüssigen Programm verbindet. Er wird hier auch zum Schlüssel für Schumanns "Presto Passionato", das der Komponist verwarf, weil Clara, seine künftige Gattin, es nicht nur technisch zu anspruchsvoll, sondern auch formal zu unübersichtlich fand. Trifonov bewältigt es nicht nur, er findet auch den roten Faden darin. Ebenso wie er in den "Bunten Blättern" eine Kohärenz schafft, die sie plötzlich gleichberechtigt an die Seite von Schumanns großen Klavierzyklen rücken lässt.

Und es ist am Ende noch etwas, das diesen Abend zum Ereignis macht: Trifonovs Risikobereitschaft. Er macht es sich in keinem Moment leicht: weder mit diesem Programm noch mit seiner Umsetzung.

Was oft fliegend und leicht klingt, wird mit sichtbarem Körpereinsatz erarbeitet. Trifonov kämpft um jede einzelne Note, weshalb es wohl auch gut und richtig ist, dass immer wieder mal auch ein paar danebengehen. Gerade Prokofjews Klaviersonate wird so zu einem richtigen Kampf mit dem Flügel, bei dem es den schlanken Körper des jungen Pianisten manchmal regelrecht aus dem Sitz hebelt. Zur Zugabe gibt es denn auch nur noch Sergej Rachmaninows schlichte "Vocalise". Mehr ist da einfach nicht drin. Und nötig ist es sowieso nicht.

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Quelle:
SZ vom 14.02.2019
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