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Klassik-Kolumne:Trost für den fleißigen Dilettanten

Vier Klavier-Alben: Der Pianist Jan Lisiecki widmet sich Mendelssohn mit Hingabe, 22 CDs versammeln Klavieretüden, Alexander Krichel hält die Hoffnung aufrecht und Rafael Blechacz agiert auf höchstem Niveau.

Neues von Jan Lisiecki, dem freundlichen, feurigen, lyrischen kanadischen Pianisten, der vor sieben Jahren mit Mozarts Klavierkonzerten mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks von sich reden machte. Seitdem hat er einige bemerkenswerte Alben mit Werken von Robert Schumann und Frédéric Chopin herausgebracht. Diesmal sind es die beiden Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn - besser bekannt unter seinem christianisierten Namen Felix Mendelssohn Bartholdy (DG), dem sich Lisiecki mit einer Hingabe widmet, dass selbst das anfangs etwas ruppig-hartherzige Orpheus Chamber Orchestra schließlich einknickt und dem Klang des Pianisten nachhört. Der sucht bar jeder Gewalt und Erzwingungsästhetik sein Glück - und das des Hörers - darin, dass er sich selbst diese ferne frühromantische Aufbruchsmusik erspürt. Eindrucksvoll, wie Jan Lisiecki von dieser romantischen Zukunftssehnsucht wie von einem Erweckungserlebnis musikalisch erzählt.

Wer beim Spielen der Klavieretüden schon seinen Spaß hatte, kommt hier erst recht auf seine Kosten. Denn alle diese Gelenkigkeitsübungen hat wohl kaum jemand wirklich studiert. Die von Carl Czerny sicherlich, die auch musikalisch avancierten von Frédéric Chopin, Robert Schumann, Franz Liszt, Sergei Rachmaninow, Alexander Skrjabin vielleicht - aber viele andere von Anatoly Lyadov, Adolf von Henselt, Charles-Valentin Alkan und all den anderen, die als Komponisten nicht reüssierten? Dabei, das kann man hier hören, ist schon bei Czerny sehr viel Musik in der Geläufigkeit. Auf 22 CDs (Brillant Classics) hat man sie nun alle, dazu auch Brahms'sche und andere Variationenwerke, denen man Etüdencharakter beimessen kann, wenn man will. Denn eines ist klar: Der Übergang vom reinen Trainingsstück zum unterhaltsamen bis nachhaltigen Kunstwerk findet vor allem im Kopf des Hörers statt. Es ist ein bisschen wie beim Kunstturnen. Für die einen ist es eine Plackerei, für die anderen die reine Freude, und aussehen tut es eigentlich immer recht gut, mitunter spektakulär. Den ambitionierten Amateuren sei gesagt: Auch den hier versammelten Profis gelingt nicht jeder Takt, plötzlich hängt die Linke, mal ist sich der Pianist oder die Pianistin des Metrums generell nicht sicher. Das passiert und ist ein großer Trost für den fleißigen Dilettanten. Aber auch für den Hörer, denn gerade bei Klavieretüden hat man ja oft den Eindruck, sie dienten dazu, den Menschen auf seine künftige Existenz als Cyborg vorzubereiten. Aber nicht einmal die - konventionell einfallslosen - Etüden von Philip Glass klingen so, als stünde die Wandlung zur Maschine unmittelbar bevor.

Alexander Krichel gehört zu jenen Pianisten, die es geradezu meisterlich verstehen, Hoffnung aufrechtzuerhalten. Hoffnung auf kleine musikalische Offenbarungen und große spielerische Präzision, auf fortwährende Entwicklungen der Einsicht und des Ausdrucks. Beides muss nicht zusammenhängen, wäre aber hilfreich. Wenn man allerdings die Liszt'sche Transkription von Ludwig van Beethovens Lied "An die ferne Geliebte" auf dem gleichnamigen Album (Sony) hört, so kommt man wieder ins Grübeln und Zweifeln. Lernt man bei russischen Professoren keinen präzisen Rhythmus? Bei Beethoven gibt es da wenig Spielraum, schnell fällt alles in sich zusammen, wenn man das Metrum als Möglichkeit variablen Ausdrucks missversteht. Schon das Original hat es in sich. Man kann es kaum glauben, aber um wie vieles überzeugender singt hier Peter Schreier im Vergleich zum göttlichen Fritz Wunderlich! Im pianistischen Wettbewerb fallen solche Vergleiche natürlich viel katastrophaler aus. Weil es so viele beinahe fast ganz gute Pianisten gibt.

Womit wir bei Rafał Blechacz angekommen sind, der einerseits lärmend auf sich aufmerksam machen, aber ebenso deutlich seine weiche Seite hervorkehren kann. Dass beides bei Blechacz manchmal zu gespielt anmutet, kommt vielleicht daher, dass er musikalisch viel kann und sich in der Rolle des souverän Darüberstehenden zu gefallen scheint. Damit ist er ein nahezu idealer Begleiter, wie man auf dem neuen Album hören kann, das er mit der ausgezeichneten koreanischen Geigerin Bomsori Kim aufgenommen hat (DG). Beide agieren auf höchstem Niveau, das sei nicht so dahingesagt, Blechacz auf einem jungen Steinway, Kim auf einer Guadagnini von 1774. Sie ergänzen sich bei Fauré kongenial, inspiriert, meiden bis auf einige Schärfen bei Szymanowski Exzesse, suchen bei Debussy unverkrampft Intensität. Eine glückliche Begegnung.

© SZ vom 05.02.2019

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