Klassik-Kolumne:Stunde der Cellisten

Auch wenn Konzerte fehlen, bereichern Einspielungen von Alban Gerhardt, Daniel Müller-Schott und Eckhard Runge das Cello-Repertoire.

Von Harald Eggebrecht

In dieser gerade für Musiker bizarren Zeit kommen einem neue Aufnahmen großer Instrumentalkünstler wie Flaschenpost vor, die überraschende, fesselnde und auch begeisternde Neuigkeiten enthält. Es beruhigt zu wissen, dass sich bedeutende Musiker weiterhin mit gewichtiger, witziger oder innovativer Musik beschäftigen und sie aufnehmen, auch wenn das natürlich kein Ersatz für die tatsächliche Aufführung im Konzertsaal sein kann.

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Skrupulös hat der große Geiger Frank Peter Zimmermann lange nach einem Klavierpartner gesucht, der Ludwig van Beethovens 10 Violinsonaten mit dem gleichen Ernst, der gleichen Hingabe und ebensolchem Willen wie er realisiert, den experimentellen Witz und Einfallsreichtum dieser geistsprühenden Musik unbedingt zu erfüllen. Mit Martin Helmchen bildet er nun ein Duo, das Beethovens Sonaten hell be- und erleuchtet. Seit Herbst 2019 spielten die beiden die Sonaten im Zyklus, bis Corona Einhalt gebot. Die ersten vier, op. 12, 1-3 und op. 24, haben sie schon eingespielt: blitzend, hellwach, wenn es um synkopische Schocks, Akzent-Plötzlichkeiten und Kontrast-Überfälle besonders in den raschen Sätzen geht. Dagegen die konzentrierte Ruhe, mit der sie Beethovens Melos in den langsamen Sätzen ausspielen. Das Ganze ist ein Ereignis, über das nach Abschluss der Gesamtaufnahme ausführlich zu reden sein wird. (Bis)

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Dmitri Schostakowitsch schrieb seine beiden Cellokonzerte unter dem Eindruck der explosiven, auf Überwältigung zielenden Kunst von Mstislaw Rostropowitsch. Nun zeigt Alban Gerhardt, cellistisch so brillant wie musikalisch überzeugend, dass Schostakowitschs Konzerte aber keineswegs als Egotrips für Cellosieger gedacht sind, sondern sehr unterschiedliche symphonische Gewebe darstellen, in welche die jeweilige Solistenstimme raffiniert eingeflochten ist. Daher wirkt das 1. Konzert von 1959, oft hemmungs- und ideenlos als Kraftstück missverstanden, hier nach genauem Partiturstudium endlich einmal federnd, hintersinnig und bei aller Heftigkeit auch poetisch. Das ist beim zweiten Konzert von 1966 Voraussetzung, um die bittere Ironie, das introvertierte Grübeln und die zornige Melancholie dieses tiefgründigen Werks so genau zu treffen wie es Alban Gerhardt mit dem ungemein präzisen WDR-Sinfonieorchester unter Jukka-Pekka Saraste glückt. (Hyperion)

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Ein anderer Cellomeister in der Blüte seines Könnens, Daniel Müller-Schott, hat sich den beiden Sonaten von Johannes Brahms gewidmet - zusammen mit dem Pianisten Francesco Piemontesi, der durch Anschlagssensibilität und durch ein besonderes Gefühl für das Landschaftliche in Brahms' Musik besticht. Gerade die e-moll Sonate, 1865 komponiert, verlangt nicht nur sonoren Klang und tonliche Schönheit, sondern einen Sinn für weite Perspektiven vor allem im ersten Satz. Müller-Schott und Piemontesi verstehen die Sonate nicht so nach innen gerichtet und dunkel, wie sie oft zu hören ist, sondern als Werk des jungen Brahms, der sich durch eigene Praxis auf dem Cello gut auskannte. Auch die Fuge im Finale wirkt nicht deutsch und schwer, sondern bei aller Energie leichtfüßig und transparent. Bei der rund zwanzig Jahre später geschriebenen F-Dur-Sonate gehört Heldenbaritonales unbedingt dazu. Doch noch wichtiger sind die riesigen Diminuendi, die Brahms im Kopfsatz vorschreibt, und die der Musik etwas Geheimnisvolles, Verschattetes geben, wenn man darauf achtet. Beiden Musikern ist anzumerken, mit welcher Freude und Sorgfalt sie diese Musik in ihrer Rauschhaftigkeit ebenso wie in ihrer Versonnenheit verwirklichen. Als reizvolle Zugabe spielen sie die Transkription der G-Dur-Violinsonate, die Paul Klengel, der Bruder des berühmten Cellisten Julius, in den späten 1890er Jahren, besorgte. (Orfeo)

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Noch ein Cellist allerersten Ranges, Eckart Runge, einst Mitgründer des ruhmreichen Artemis-Quartetts, ist zu preisen. Er hat mit dem Rundfunkorchester Berlin unter Frank Strobel das 1. Cellokonzert, 1997 von Nikolai Kapustin komponiert, als Weltpremiere eingespielt. Ein so pfiffiges, wie elegantes, mit Jazzanleihen rhythmisch gepfeffertes Stück, das vor allem im 1. Satz beeindruckt. Eckart Runge, erfahren im Umgang mit Flamenco, Tango und anderen Musikarten, spielt das souverän, prägnant und in gewisser Weise lässig. Alfred Schnittkes 1. Cellokonzert verlangt dagegen Emphase, Schmerz und am Ende sieghaftes Aufbäumen, was Runge, Orchester und Dirigent eindringlich gelingt. (Capriccio)

© SZ vom 01.09.2020
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