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Neue Klassik-CDs:Klassikkolumne

Von der ersten Oper, dem "Orfeo" von Claudio Monteverdi von Anfang des 17. Jahrhunderts, bis zum sperrigen George Crumb des 20. Jahrhunderts reicht die Bandbreite neuer Aufnahmen klassischer Werke.

Von Reinhard J.Brembeck

Gleich die erste Oper, die nach wie vor gern gespielt wird, bedient raffiniert das Klischee von der Langeweile der klassischen Musik. In Claudio Monteverdis 400 Jahre alter Sängerpopstartragödie "Orfeo" versucht der Titelheld den Unterweltvorsteher Charon durch seine Gesangskünste dazu zu bringen, ihn ins Jenseits einzulassen, auf dass er seine tote Liebste ins Leben zurückholen kann. Orfeo singt verzückender als Luciano Pavarotti, stimmschöner als Beniamino Gigli, stolzer als Jussi Björling. Es hilft nichts. Der amusische Charon lässt sich nicht erweichen. Aber die Klassik langweilt ihn offenbar so sehr, dass er einschläft. Und Orfeo kommt in die Unterwelt zu Euridice. Wer aber nicht ganz amusisch ist, wird zugeben, dass der Tenor Emiliano Gonzalez Toro den Orfeo ganz und gar nicht langweilig singt. Toros Stimme ist intensiv, männlich, von Schmerz und Erotik durchtränkt. Die endlosen Tonfolgen in der Charon-Betörung kommen unangestrengt, leidenschaftlich, brillant. Zudem dirigiert der in Genf geborene Sänger auch das 2018 von ihm mitbegründete Ensemble I Gemelli voller Lebenslust, klangfeuerwerkend und mit viel Gespür für dramatische Bühneneffekte. Das ergibt die schönste aller "Orfeo"-Aufnahmen (Naïve).

Um ein Künstler zu sein, muss man unvereinbare Widersprüche kombinieren: Hemmungslosigkeit und Akribie, Besessenheit und Freiheitssucht, Fantasie und Lust am Alltäglichen. Das alles findet sich bei dem finnischen Organisten Kalevi Kiviniemi. Der Mann ist ein hemmungslos akribischer Virtuose mit einem Faible für besondere Instrumente. So präsentiert er auf dem Album "Antico" die "älteste spielbare Orgel der Welt", sie steht hoch in den Schweizer Alpen in der Basilika Notre Dame de Valère in Sion. Teile der Orgel wurden im 14. Jahrhundert gebaut. Auf dem Album "Cavaillé-Coll à Paris" spielt Kiviniemi die von dem legendären romantischen Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll erbaute und seither unverändert gebliebene Orgel der Abteikirche Saint-Ouen in Rouen. Nun ist der Orgelton unveränderlich starr. Er wird belebt durch den Nachhall, durch klirrende Registrierungen, durch die Wucht der Attacke. Davon findet sich schon viel in der Orgel aus Sion. Kombiniert mit Kiviniemis Naturell beginnen so die Stücke aus dem Robertsbridge Codex aufzuleben, dem ältesten Orgelbuch, entstanden wie die Orgel um 1360. Auf der Cavaillé-Coll-Platte dreht der Organist dann richtig auf. Er spielt eigene Improvisationen, Stücke von Marcel Dupré, Alexandre Guilmant und natürlich Charles-Marie Widor. Dessen weltberühmte Toccata stürmt hemmungslos dahin und die unfassbar sonoren Bässe des Instruments überwältigen, umgarnen, begeistern (Fuga).

Die eigenwilligste Hommage an Ludwig van Beethoven schrieb vor 50 Jahren der US-Amerikaner George Crumb mit "Black Angels". Dieses wilde Stück für elektronisch verstärktes Streichquartett ist in jeder ihrer dreizehn Passagen voller Tod und Zerstörung, wird hier doch der Vietnamkrieg reflektiert. Crumb zitiert Franz Schuberts "Der Tod und das Mädchen" und John Dowlands tränenreiche "Lachrymae", er imitiert fernöstliche Streichinstrumente und immer wieder brechen die vier Streicher in wüste Klangkaskaden aus, die an Fliegerangriffe erinnern. Und Beethoven? Die dreizehn Endzeitsplitter sind in drei Sätze unterteilt, die die gleichen Titel wie in Beethovens "Les Adieux"-Sonate tragen, nur auf Englisch: Departure - Absence - Return. Das Quatuor Ardeo, eine Frauen-Truppe, fürchtet weder Klangsplitter noch Pathos, die Musikerinnen fassen dieses grandiose Bekenntnisstück zudem musikalisch mit Crumbs Vorbildern ein, mit Franz Schubert, Claudio Monteverdi und Henry Purcell (Klarthe).

Das wundersame 19. Jahrhundert war voller seltsamer Klaviervirtuosen, von denen man heute oft nur noch die Namen kennt. Charles Valentin Alkan (1813-1888) war einer der seltsamsten und größten von ihnen, seine Kompositionen werden noch immer gern gespielt, zumindest von Pianisten mit Alkans Megavirtuosität. Die Klaviersonate "Les quatre ages" (1948) porträtiert in vier Sätzen ein Männerleben mit 20, 30, 40, 50 Jahren: Stürmer, Quasi-Faust, glücklicher Hausherr und angeketteter Prometheus. In diesem nie langweiligen 40-Minuten-Stück stecken alle denkbaren menschlichen Erfahrungen, und der langsame Schlusssatz weist genial voraus auf Peter Tschaikowskys "Pathétique" und Gustav Mahlers Neunte. Mark Viner spielt dieses Leben visionär auftrumpfend und zuletzt resigniert verzweifelt (Piano Classics).

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