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Klassik:Kampf und Überraschung

Valery Gergiev dirigiert Brahms und Bruckner in München - die Beziehung zwischen dem hyperaktiven neuen Chefdirigenten und seinem Orchester wird an diesem Abend auf spannende Weise spürbar.

Von Harald Eggebrecht

An diesem Abend in der Münchner Philharmonie konnte man schon einiges erfahren über das Verhältnis zwischen dem neuen Chefdirigenten Valery Gergiev und seinen Münchner Philharmonikern. Zuerst gab es das Violinkonzert von Johannes Brahms mit Janine Jansen als Solistin, die in dieser Spielzeit bei den Philharmonikern mit drei Auftritten "im Fokus" steht.

Die junge Niederländerin besticht immer durch ihren kämpferischen Elan, eine manchmal geradezu brennende Höhe und eine Grundleidenschaft, mit der sie gerade dieses Konzert angeht. Das ist allerdings nur die eine Seite dieses symphonischen Kosmos, in dem sich die Violine ja nicht effektvoll vor einer angenehmen Orchesterkulisse in Szene setzen kann, sondern als Prima inter Pares in einem unentwegten dialogischen Prozess ins Geschehen eingebunden ist. Dazu gehört auch das Grüblerische, das Sinnieren, das Träumen. All das spielt bei Janine Jansen keine entscheidende Rolle. Sie betont vor allem die Auseinandersetzung bis zum letzten Einsatz. Da kann es wie in der Kadenz schon mal Intonationsprobleme geben, kann es krachen und fetzen. Im Adagio wird das fast zum Widerspruch zwischen der weit ausschwingenden Sanftheit der Oboenmelodie und dem insgesamt lyrisch eingestellten Orchesterklang. Die Jansen fühlt sich auch hier im Kampf. Und das Finale nahmen sie und Gergiev so schnell, dass es ein bisschen über Stock und Stein ging. Als Zugabe dann aber eine wunderbar intim gespielte Bach-Sarabande.

Danach wurde die vierte Symphonie von Anton Bruckner geboten, die "Romantische". Bruckners Riesengebirge würden besser als Solitäre präsentiert, weil sich in ihrem Schatten anderes kaum behaupten kann. Zu stark ziehen sie Energie und Aufmerksamkeit aller Beteiligten auf sich.

Der gleichsam ferne Hornruf aus dem Klangweben der Streicher, mit dem die Symphonie anhebt, gelang atemversetzend. Das Orchester saß endlich einmal wieder wie in seinen Glanzzeiten auf dem Podium in panoramatischer Aufstellung von den hohen zu den tiefen Registern, was die klangliche und akustische Logik erleichtert. Immer ging es Gergiev um Klangkultur, Feinheit der Dynamik vom Fortissimo bis ins feinste Pianissimo. Er nutzte wirklich das Potenzial der Philharmoniker, deren Nuancierungswillen bei Bruckner geradezu grenzenlos scheint.

Spannungsreich spürbar wurde die sich entwickelnde Beziehung zum Orchester

Vor allem im langsamen Satz der "Vierten" wurde die Beziehung zwischen Dirigent und Orchester direkt spürbar. Übrigens lautet die Vorgabe da nicht Adagio, sondern Andante, quasi Allegretto. Dennoch tragen Bruckners musikalische Bewegungen, auch wenn es vermeintlich etwas rascher zugeht, immer Langsamkeit im Sinne von konstruktiver Bedachtsamkeit in sich. Es sind Bewegungen in einer tief gestaffelten Landschaft, deren Räumlichkeit in ihrer strukturellen Vielfalt in ganzer Tiefenschärfe nur wahrzunehmen ist, wenn ihre Klangdetails sorgsam ausgearbeitet werden, ihre mächtigen Ausdrucksbögen ohne Hast oder gar Bedrängung ausphrasiert werden können bis ins Lautlose der Generalpausen hinein. Bruckner verlangt ein Höchstes an Gestaltung der musikalischen Zeit, damit daraus die ungeheuren Raumgebilde, die seine Symphonien in ihrer jeweils verschiedenen Gestalt kreieren, überhaupt entstehen können.

Valery Gergiev vertraute also in diesem Andante ganz offensichtlich der umfassenden Kompetenz seines Orchesters in Sachen Bruckner, die ja weit zurückreicht bis an den Beginn der Philharmonikergeschichte. So fand sich der gemessene Duktus des Satzes sacht wie von selbst, konnten die Bratschen ihre vieltaktigen Kantilenen ungestört ausartikulieren und die Bläser ihren ganzen Farbenreichtum grandios in aller Rundheit ausspielen. Manchmal schien es, als staune Gergiev über die sich türmenden Wunder dieser sich organisch entwickelnden Klangpracht. Nur bei der entscheidenden Klimax begann der Furor in diesem mit Ungeduldsenergie geladenen Dirigenten sich Bahn zu brechen. Da schob er, anstatt es nur wachsen zu lassen.

Auch das berühmte Scherzo mit seinem Hörnerschall nahm er um jene Spur zu schnell, die dann bei aller Bravour der Bläser zu nicht ganz durchhörbaren Überlagerungen führen kann. Doch gelang der Satz als brillant inszeniertes Virtuosenstück, wobei Gergiev im Trio wieder stärker seinem Orchester und dessen gelassener Kantabilität lauschte. Das Finale beginnt mit einer über sich jeweils gleichsam verbreiternde Stufen aufgebauten Klangpyramide, die ein gewaltiges Fortissimo-Plateau erreicht, von dem aus sich dann eine weite Perspektive öffnet auf die lieblicheren lyrischeren Terrains dieser Klangtopografie. Gergiev begann ruhig, doch vermochte er dem Sog dieser enormen Steigerung nicht ganz zu widerstehen. Und bei der Coda, vielleicht neben dem Schluss der "Achten" Bruckners eindrucksvollster Turmbau am Ende einer Symphonie, war er dann doch zu unruhig, um alle Schritte voll auszukosten. Aber sein Orchester ließ sich nicht beirren, sondern krönte diesen Satz mit der ganzen Wärme seiner Streicher und dem strahlenden Glanz seines Blechs. Lange Stille danach, dann Riesenbeifall mit dem Gefühl, dass da etwas sehr Spannendes wachsen könnte zwischen diesem hyperaktiven Dirigenten und dem erwartungsvollen Orchester.

© SZ vom 24.09.2015

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