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Klassik:Jenseits aller Grenzen

Daniel Barenboim will mit seiner Staatskapelle Berlin nach Teheran reisen, um dort zur Unterzeichnung des von Israel heftig kritisierten Atomabkommens mit Iran ein Konzert zu geben. In Israel ist man darüber empört.

Von  Reinhard Brembeck und Peter Münch

Daniel Barenboim, Jahrgang 1942, ist einer der berühmtesten Dirigenten und Pianisten. Gerade seine Wagner-Aufführungen sind legendär. Aber der in Buenos Aires geborene Sohn aus jüdischem Elternhaus ist nicht nur Musiker. Schon seit Jahren nutzt er sein Musizieren als Mittel zur Völkerverständigung. Was nicht immer nur auf Zustimmung stößt, wie jetzt auch Barenboims neuestes Projekt, das gerade in Israel helle Empörung hervorruft.

Barenboim besitzt neben einem argentinischen, spanischen, auch einen israelischen Pass - einen palästinensischen, ehrenhalber. Die Klassik-Gerüchteküche wollte schon vor Tagen wissen, dass er zusammen mit seiner Staatskapelle Berlin und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Teheran reisen werde, zur Unterzeichnung des von Israel heftig kritisierten Atomabkommens zwischen Iran und den fünf Vetomächten der UN-Sicherheitsrats und Deutschlands.

Jetzt bestätigte das Orchester die Verhandlungen über ein Konzert in Teheran: "Die Staatskapelle Berlin mit ihrem Generalmusikdirektor Daniel Barenboim spricht derzeit mit Iran über ein mögliches Konzert in Teheran. Außenminister Steinmeier hat die Schirmherrschaft über dieses Konzert übernommen und unterstützt das Engagement von‎ Daniel Barenboim, Musik jenseits aller nationalen, religiösen oder ethnischen Grenzen Menschen zugänglich zu machen. Sobald die Gespräche zu einem Abschluss gekommen sind, können nähere Informationen bekannt gegeben werden."

Der Publizist Norman Lebrecht, der Gerüchte aus der Klassikszene gerne teilt, will es noch genauer wissen. Angeblich sei das Konzert schon für Anfang September geplant gewesen, doch die Iraner würden das nicht managen können. Wovon die Musiker in einem Brief verständigt wurden: "Letzten Freitag erhielten wir nun vom Auswärtigen Amt die Nachricht, dass die Iraner auf Grund der knappen Zeit zur Organisation des Konzerts entschieden haben, den geplanten Konzerttermin (am 7.9.2015) zu verschieben."

Wagner als Zugabe? Das ist fast schon eine lässliche Sünde

Überraschend kommt Barenboims Vorstoß in Richtung Iran nicht. Schon vor drei Jahren hat er in der Tageszeitung B.Z. erklärt, dass er sich ein Konzert in Teheran vorstellen könne. Denn niemand glaubt so wie Barenboim an die Völker verbindende Kraft der klassischen Musik, die jedermann zugänglich sein solle.

Schon als Zwölfjähriger wurde er von Dirigent Wilhelm Furtwängler ins Nachkriegsdeutschland zu einem Klavierabend eingeladen, was der Vater ihm untersagte - die Zeit sei noch nicht reif für einen Juden, nach Deutschland zu kommen. Zehn Jahre später spielte er dort das Klavierkonzert Furtwänglers, seines großen Idols, der sich als kulturelles Aushängeschild von den Nazis missbrauchen ließ.

Immer wieder hat sich Barenboim, der seit 25 Jahren in Berlin lebt, zu drängenden Fragen geäußert, gerade erst zum aktuellen Flüchtlingselend. Er hat Israel häufig Vorhaltungen über seinen Umgang mit den Palästinensern gemacht. Im Jahr 1999 gründete er das West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Araber und Juden spielen. Mit dem Divan trat er dann auch 2005 in Ramallah auf, was die israelische Armee noch drei Jahre zuvor verhindert hatte. So ist es folgerichtig, dass Barenboim jetzt Teheran auf seine Agenda setzt.

In Israel hatte bereits am Mittwoch dieser Woche das Gerücht eines Barenboim-Auftritts in Teheran die Kulturministerin Miri Regev zu einem Rundumschlag provoziert. Via Facebook kündigte sie einen harschen Protestbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel an, von der sie eine Absage des Konzerts forderte. Dass sie dabei offenbar Barenboims Staatskapelle mit den Berliner Philharmonikern verwechselte, mag ihr nachgesehen werden, weil sie sich als Ex-Generalin und Chef-Zensorin der israelischen Armee erklärtermaßen nie für Kultur interessierte, bis sie im Frühjahr bei der Regierungsbildung auf diesen Posten gehievt wurde. Vielmehr hat sie immer schon der Kampf gegen Israels Feinde interessiert - und ein solches Konzert in Teheran, so argumentiert sie, "schade Israels Bemühungen, das Atomabkommen mit Iran zu verhindern".

Zu Israels Feinden zählt sie im Übrigen auch den Israeli Barenboim, der in ihren Augen "eine anti-israelische Linie verfolgt und die Kultur als Hebel benutzt für seine politischen Ansichten". Für Israels Rechte ist Daniel Barenboim, der in Tel Aviv aufwuchs, tatsächlich schon seit langem eine Reizfigur, weil er sich konsequent und durchaus provokativ für einen Frieden mit den Palästinensern und die Gründung eines Palästinenserstaats einsetzt.

Seinen Ruf in tonangebenden israelischen Kreisen hat Barenboim gewiss auch nicht dadurch verbessert, dass er 2008 in Ramallah die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft annahm. 2001 betätigte er sich überdies als Blockadebrecher, als er mit einem Orchester via Ägypten in den von Israel abgeriegelten Gazastreifen einreiste und dort ein Aufsehen erregendes "Friedenskonzert" gab. Dass er obendrein einst noch den Eklat wagte, bei einem Konzert in Israel als Zugabe Wagner anzustimmen, gilt da angesichts seiner vermeintlichen Affinität für die Araber fast noch als lässliche Sünde.

© SZ vom 28.08.2015
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