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Klassik:Ivo Pogorelich

Es ist lange her, dass die große Martha Argerich wütend die Jury des Warschauer Chopin-Wettbewerbs verließ, weil man dort das ungewöhnliche Talent des Ivo Pogorelich nicht erkannte. Die Weltkarriere des Pianisten fand dennoch statt, nicht zuletzt wegen des Einsatzes von Argerich für das junge genialische Talent. Nach Jahren des Erfolgs geriet Pogorelich in die Krise, es begann eine Zeit des Rückzugs, des schweigenden Wanderns in den Schweizer Bergen und die Besinnung darauf, dass die große Zeit als Teenieschwarm vorbei ist. In den 1980ern war Pogorelich der Erste, der mit Chopin und Beethoven zum Popstar wurde. Viele haben es nach ihm versucht, deuteten den Erfolg als Marketingtrick. Was leider auch oft funktionierte, und so sind Marketing und Social Media heute wichtiger als Persönlichkeit, Erfahrung und Überzeugung. Pogorelich dagegen war immer Persönlichkeit, verweigerte Kompromisse, gilt bis heute als schwierig.

Auch auf seiner jüngsten CD mit den Beethoven-Sonaten Nr.22 und Nr.24 sowie Rachmaninows schwieriger b-Moll-Sonate geht Pogorelich keine Kompromisse ein, außer vielleicht dem, dass er es sich für die Beethoven-Aufnahme in Schloss Elmau gemütlich machte, statt in ein herkömmliches Aufnahmestudio zu gehen. Und er scheint die Freiheit der Umgebung zu genießen. Die F-Dur-Sonate klingt bisweilen so jugendlich frisch und eigenwillig wie vor vierzig Jahren: unangreifbar subjektiv, maximal durchdacht, mental durchforscht und durchlebt - allerdings ohne die Verbissenheit und Rechthaberei derer, die ein doch nur angedachtes Konzept als Wahrheit verkaufen wollen. Pogorelich verkauft nicht, er hofft auf maximales Verständnis, wenn er überraschende Akzente setzt oder gezielt Verzögerungen einbaut - kleine Binnenspannungen, die das Ganze Klanggebilde maximal aufladen, sodass man auch als Hörer nicht einfach nur von einem melodischen Fluss getragen wird, sondern in jedem Moment der Gesamtsituation ausgesetzt ist. Das hebt einen noch einmal über das Normalmaß an musikalischem Erleben hinaus, öffnet Türen zu Beethovens Denken und Selbstverständnis und bringt einen an die Schwelle von musikalischer Erzählung und philosophischer Betrachtung.