bedeckt München 27°

Klassik:Intime Distanz

A Festival of New Music

Die Komponistin Olga Neuwirth versucht in ihrem Quintett „coronAtion II" die Pandemie musikalisch zu reflektieren.

(Foto: Monika Rittershaus)

Dirigent Daniel Barenboim und Flötist Emmanuel Pahud haben zehn Uraufführungen für den Berliner Boulez Saal erteilt und jetzt online aufgeführt.

Von WOLFGANG SCHREIBER

Opernhäuser und Konzerthallen sind in Reduktion, nur die "digitale Revolution der Musik" (Harry Lehmann) ist in vollem Gang. Durchs Netz gejagt wird manchmal Livemusik, oder was die Archive der Historie alles hergeben. Die Leute vom Berliner Boulez-Saal reagierten kreativer, sie luden lebende Komponisten ein, neue Musikstücke herzustellen. Und schicken diese, als Prachtexemplare des digitalen New-Music-Festivals "Distance/Intimacy" an vier Abenden per Youtube in die Welt hinaus - live kommentiert im leeren Saal von den beiden Kuratoren, dem Dirigenten Daniel Barenboim und dem Flötisten Emmanuel Pahud von den Berliner Philharmonikern.

Kraftzentrum ist Daniel Barenboim, Gründer und Leiter des Boulez-Saals, des Diwan-Orchesters sowie Chef der Berliner Staatskapelle. Barenboim hofft, dass die Zuschauer und Hörer der zehn Uraufführungen "food for thought" bekommen, Gedankenfutter. Er weiß, dass "die Neugier auf das Neue" fundamental wichtig ist für die Musik, obwohl er und Pahud vor allem in der Vergangenheit von Bach bis Schönberg unterwegs sind. 30 Tage lang werden die Konzerte und Gespräche on demand im Netz hör- und sichtbar bleiben.

Das funktioniert beglückend, weil der großartige, oval gerundete Boulez-Saal des Architekten Frank Gehry sogar am PC-Monitor noch eindrucksvoll in Erscheinung tritt. Barenboim und Pahud sind die musizierenden Hauptakteure der zehn Kammermusikstücke, und außerdem noch, im Nachdenken und spontanen Reagieren, Debattieren über das Gehörte, unentwegt produktiv aus der Sensibilität und Erfahrung heraus. Alle Konzerte werden mit einem der kurzen Stücke von Pierre Boulez eingeleitet. Barenboim dirigiert das spritzige "Mémoriale" für Flöte und Ensemble, später "Dérive", ein Perpetuum mobile für sechs Instrumente, davor das energetische, für sechs Violoncelli komponierte "Messagesquisse", für sechs Bratschen bearbeitet und angeführt von der exzellenten Yulia Deyneka.

Ein Komponist wundert sich im Live-Chat, wie der Flötist in seinem Stück "Phantome erscheinen lässt, die ich selbst nicht vermutet hätte".

Die Komponistin Olga Neuwirth versucht die Pandemie musikalisch zu reflektieren. "coronAtion II: Naufraghi del mondo che hanno ancora un cuore - cinque isole della fatica" heißt, verzwickt poetisch, ihr Stück für Klavier, Flöte, Klarinette, Violine und Viola. Es spielen also auf: Schiffbrüchige der Welt, die noch ein Herz haben, auf fünf Inseln der Mühsal. Das ist komplex organisierte Kammermusik, die am Ende ironiefähig wird und in einen schrillen Tango einmündet. Dagegen wirkt "Bayn Athnyn" für Violine/Viola und Klavier von Benjamin Attahir, dem letzten Boulez-Schüler bei der Lucerne Academy, von Barenboim und Sohn Michael gespielt, schön rückwärtsgewandt, nämlich expressiv-melodisch.

Nur wenige Minuten, nachdem Emmanuel Pahud das dramatische Solo-Flötenstück "Soubresauts" von Philippe Manoury gespielt hat, meldet sich der 1952 geborene Komponist aus dem Live-Chat und wundert sich, wie der Flötist in seinem Stück "Phantome erscheinen lässt, die ich selbst nicht vermutet hätte". Was Barenboim, der das am Schirm im Boulez-Saal liest, zum Staunen bringt. Dann kritisiert eine Zuhörerin aus der Ferne, dass die Kameraleute zu rasch die Einstellungen und Bilder wechselten. Das behindere "die Energie des Hörens". Es folgt kaum Bildentschleunigung.

Im Live-Video zugeschaltet ist Matthias Pintscher aus New York, der sein "Geistertrio" für Flöte, Viola, Harfe gern bespricht. Dass die merkbar beseelten Stücke von Irini Amargianaki, Michael Jarrell, Luca Francesconi, Johannes B. Borowski und Christian Rivet allen Hörens wert sind, bezeugen die Aufführungen auf höchstem Spielniveau. Zum Schluss erscheint Jörg Widmann live im Bild und wie gewohnt springlebendig im Denken und Reden. Er ist fasziniert vom leeren Raum - John Cage quasi dankend -, füllt ihn mit kostbar isolierten Stimmen von "empty space" für Flöte, Klarinette, Violine, Klavier, Percussion, erschafft existenzielle Klangarchitektur.

Eine von Corona beflügelte Konzertneuheit erscheint hier: Aufführungen, vorproduziert und gestreamt im leeren Raum, wechseln mit live in diesem Saal geführten Gesprächen. Wenn Experten wie Emmanuel Pahud und Daniel Barenboim sowie die Komponisten die Beiträge liefern, entsteht das vitale Mit- und Ineinander einer neuen Kunstübung, digital und analog im Netz geführt. Schon hört man Stimmen, die die Fortsetzung des neuen Berliner New-Music-Festivals verlangen.

© SZ vom 14.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite