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Klassik: In den Extremen von laut und leise

Berliner Philharmoniker 29.11.2019

Der unangepasste Wundermann gibt ein Debüt: Teodor Currentzis leitet zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker.

(Foto: Stephan Rabold)

Teodor Currentzis dirigiert erstmals die Berliner Philharmoniker mit Giuseppe Verdis "Messa da Requiem".

In den Sekunden, bevor der Exzentriker Teodor Currentzis die Bühne betritt, um erstmals das berühmteste Orchester Deutschlands zu dirigieren, hält das Publikum den Atem an. Dass die Berliner Philharmoniker einem Debütanten an ihrem Pult gleich ein Werk wie Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" anvertrauen, ist alles andere als selbstverständlich. Doch der griechisch-russische Currentzis, den die einen als Messias eines vermeintlich erstarrten Musikbetriebs feiern, während andere ihm Scharlatanerie anhängen wollen, kennt das Werk derzeit wohl wie kein Zweiter. Mit seinem eigenen Ensemble, dem in Nowosibirsk und Perm in besessener Probenarbeit geformten Music-Aeterna-Orchester und -Chorus, hat Currentzis Verdis Totenmesse bereits an zahlreichen Orten in Europa und in den Vereinigten Staaten aufgeführt, darunter auch am Uraufführungsort, in der Mailänder Kirche San Marco. Publikum und Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung nach seinen elektrisierenden Aufführungen, bei denen die Musiker in schwarze Soutanen gehüllt im Stehen musizierten und die Säle in mystisches Dunkel getaucht waren. In Berlin kann man Currentzis' Verdi-Requiem nun einmal nackt und pur, ganz ohne Mönchskutten, in normaler Beleuchtung und in gewohnter Orchesteraufstellung erleben.

Spektakulär ungewohnt sind schon die ersten Takte. Wo Verdi ein Pianissimo vorschreibt, da lässt Currentzis die gedämpften Streicher ihren absteigenden a-Moll-Dreiklang fast tonlos intonieren. Der Music-Aeterna-Chorus raunt das "requiem aeternam" an der Schwelle zur Unhörbarkeit. Über allem liegt die tief depressive Stimmung einer Beerdigungsszenerie. Noch der schmerzerfüllten Violinphrase zu den Seufzerfiguren der Soprane in den folgenden Takten verweigert Currentzis jede Expression. Wie traumatisiert haucht sich die Musik dann am Ende des "Kyrie" aus - "morendo", wie Verdi es verlangt. Umso schockierender packt einen darauf die hochschrillende Höllenangst des "Dies irae": vom Tempo her eine Raserei und klanglich eine ohrenzerfetzende Explosion.

Wie seine Mozart-, Mahler- oder Tschaikowsky-Interpretationen spannt Currentzis auch diesen Verdi konsequent zwischen den Extremen auf: Fortissimo und Pianissimo, äußerste Langsamkeit und panisch gejagte Tempi, harte Akzente, schockhafte Brüche. Einen Normalzustand gibt es ebenso wenig wie dramatische Entwicklung, Atem, Fluss.

Diese Deutung von Verdis Requiem ist von demonstrativer Radikalität bestimmt

Der große Mariss Jansons hatte bei den Berliner Philharmonikern einmal vorgemacht, wie man Verdis Requiem in den klanglichen Details schärfen, zugleich aber in großen Spannungsbögen aufbauen kann. Das Ergebnis war überwältigend. Dagegen berührt Currentzis' Deutung jetzt trotz ihrer demonstrativen Radikalität nicht wirklich tief. Gemessen an der gewohnten Perfektion der Berliner Philharmoniker, war der Gesamtklang einige Male enttäuschend. Im Forte wirkt das Tutti wenig transparent und differenziert. Und in dem extremen Piano, das Currentzis dem Orchester immer wieder abfordert, bleibt wenig Spielraum für Ausdrucksnuancen. Beides, Klangbalance und rhetorische Klangrede, gelingt Currentzis mit seinem Music-Aeterna-Ensemble wesentlich packender. Diese geradezu symbiotisch auf Currentzis eingeschworenen Musiker wissen freilich schon vor der Aufführung bis ins Detail, wie sie in jedem Takt zu spielen haben. Dagegen lässt sich das an Currentzis' Dirigierstil, wenn das Wort erlaubt ist, durchaus nicht immer erkennen. Denn der gleicht eher einem emotionalen Nachstellen der Musik, als einer exakten Zeichengebung. Currentzis dirigiert wie stets ohne Taktstock und ohne Podest, was ihm die Freiheit gibt, spontan zu den Solisten an die Bühnenrampe zu eilen oder sein Pult auch einmal tänzelnd zu umrunden. Da wogen die langen Arme auf, jede Silbe, sogar jede Koloratur wird auch den Solisten vordirigiert und vorgesungen. Beim doppelchörigen "Sanctus" läuft Currentzis plötzlich ins Orchester hinein und hat sein Notenpult dann im Rücken, um diesen einen Meter näher am Chor zu sein, der hinter dem Orchester steht.

Der Music-Aeterna-Chorus ist gewiss das grandioseste Vokalensemble, das man je erlebt hat. Lupenrein, klangschön, mit einer Präzision sondergleichen und einer Fülle an Farben singt er sowieso. Das eigentliche Wunder aber ist seine mimetische, tiefe Ausdruckskraft. Der Chor hört sich an wie das materialisierte Innenleben seines Gründers, als töne er unmittelbar aus einem Unbewussten hervor. Ähnlich seismografisch schmiegt sich Zarina Abaeva mit ihrem leichten, auch in der Höhe nie schrillen Sopran Currentzis' Deutung an - bis hin zu jenem heiklen Oktavsprung im Andante des "Libera me", der hier tatsächlich, wie von Verdi verlangt, im vierfachen Piano gelingt, zudem mit einem Schmelz und einer Hingabe, dass man in die Knie gehen möchte. Phänomenal ist auch, wie klangsensibel und traumwandlerisch sicher die Mezzosopranistin Annalisa Stroppa, die ohne Probe kurzfristig eingesprungen ist, sich in das von Currentzis ausgewählte Solistenensemble einfügt. Gegen das geradezu irreal-klangschöne A-capella-Duett der Frauenstimmen im Agnus Dei wirken die beiden männlichen Solostimmen, der warme Bass von Evgeny Stavinsky und der helle Tenor des gelegentlich zu hoch intonierenden Sergej Romanowsky, etwas erdenschwer. Erst im Schlusssatz des "Libera me" finden die Philharmoniker schließlich zu jenem hyperpräzisen und zugleich beseelten Klang, den man von ihnen gewohnt ist. Man darf gespannt sein, ob dem Debüt von Currentzis auch die Wiedereinladung folgen wird.