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Klassik:Hier zählt jede Stimme

Es dampft in der Kölner Philharmonie bei der Uraufführung des „Lab.Oratorium“.

(Foto: Holger Talinski)

Philippe Manourys bewegendes "Lab.Oratorium" über die Not der Flüchtlinge und die Untätigkeit der Mehrheit hat die Kraft einer Totenmesse. In Köln wurde es nun mit dem Gürzenich-Orchester uraufgeführt - und hinterlässt Bewunderung.

Die Harschheiten und Eruptionen, die Todestänze und Düsternisse, die das von seinem grandiosen Chefdirigenten François-Xavier Roth angefeuerte Gürzenich-Orchester in die Kölner Philharmonie entsendet, klingen so, als würden unaufhörlich Masten brechen, Decks durchschlagen, Menschen erdrückt und ertränkt. Philippe Manoury, Jahrgang 1952 und einer der originellsten und überzeugendsten Meister seines Metiers, hat neunzig Minuten lang nichts andres im Sinn als Apokalypse, Verzweiflung, Fassungslosigkeit. Grund dafür sind die täglich im Mittelmeer ertrinkenden Menschen auf der Flucht aus dem von Diktaturen und Armut geprägten Gegenden Afrikas in die für sie wie ein Paradies erscheinende EU. Auch die tödliche Gleichgültigkeit mancher Politiker, die sich der Seenotrettung verweigern, die Helfer behindern und kriminalisieren und die in Europa durchaus generell verbreitete Gleichgültigkeit gegen dieses Sterben, diese Not.

Manourys "Lab.Oratorium", das nun uraufgeführt wurde, versammelt all dieses Leid und die Reaktionen darauf. Trotz allen Pathos' und der aufwühlenden Klänge verweigert Manoury jedes Gutmenschenbiedertum. Er macht keine Agitprop, komponiert kein Menschenrechtspamphlet und bietet auch keine Lösung. Vielmehr klagt er Unrecht an und macht es durch seine Musik erfahrbar. Damit stellt er sich, auch was die ästhetische Kraft seines Oratoriums angeht, in eine große Tradition, die mit Ludwig van Beethovens "Fidelio" beginnt und bis zu Luigi Nonos "Canto sospeso" und "Al gran sole", dem "Canto general" von Mikis Theodorakis, den "Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann und Klaus Hubers "Erniedrigt - Geknechtet - Verlassen - Verachtet" reicht.

Der Regisseur und Texter Nicolas Stemann sowie seine Schauspieler Patrycia Ziolkowska und Sebastian Rudolph liefern dazu in kurzen Theaterszenen die aktuelle Anbindung. Sie führen von einer Luxuskreuzfahrt der Europäer zu den Verzweiflungsfahrten der Flüchtlinge, verlesen den Text eines Retters und mischen sich zunehmend in die Musik und die Gesangstexte ein. Einen finalen, verzweifelt brüchigen Trost spendet erst Friedrich Nietzsches bittere Heimat-Klage "Vereinsamt" und dann vor allem Hannah Arendt: "Wohl dem, der keine Heimat hat; er sieht sie noch im Traum." Die zitierten beiden Schlussverse des Arendt-Texts singen darauf Rinnat Moriah und Tora Augestad, das Orchester setzt mit einem "Blubb!" einen kurzen erschöpften Schlusspunkt. Auch hier ist Manoury ehrlich. Die Klagen über das, was im Mittelmeer geschieht, mögen unendlich sein, der Mensch aber hält solch ein Leid nicht unbegrenzt aus.

Das zehnteilige "Lab.Oratorium" ist über weite Strecken ein Lyrikzyklus, in dessen Zentrum die heillosen Aufbruch- und Ausfahrtsgedichte von Ingeborg Bachmann stehen. Dazu kommen Georg Trakls Weltkriegsuntergangspanorama "Grodek", Ausschnitte aus Elfriede Jelineks "Schutzbefohlenen", aber auch ein Text des Komponisten. Die überraschendste Erfahrung mit diesem durch und durch erstaunlichen und vom Publikum begeistert gefeierten Stück ist, dass die Texte der Großdichterinnen und -dichter durch die Anbindung an die heutige Zeitgeschichte an Intensität und ästhetischer Wucht gewinnen. Bachmann, Nietzsche, Arendt und Trakl werden plötzlich zu Zeitgenossen, ihre Texte streifen alles Historische ab. Das Leid, mit dem sie getränkt sind, ist kein fernvergangenes mehr, sondern das der Ertrinkenden und derer, die angesichts dieser Katastrophe verzweifeln, mit sich und der Welt hadern oder Anklage erheben wie Philippe Manoury.

Entwurzelung, Vertreibung, Tod - Manoury reiht sich in die Tradition der Totenmesse ein

Jede, aber auch wirklich jede Zeile der hier vertonten und oft sehr bekannten Gedichte erhält angesichts der Flüchtlingstragödie eine erhöhte Durchschlagskraft: "Wohl dem der jetzt noch - Heimat hat", "Doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken, wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit", "Sie haben keinen Weg, sie werden keinen finden", "Kein Hafen wird sich öffnen." Faszinierend, wie von Manoury der Elfenbeinturm der Hochkultur geschleift wird, wie die gern vom gängigen Unheil in der Welt abgeschottete klassische Musik plötzlich von sich aus einen Schritt auf diese Welt tut und dadurch eine ästhetische Dringlichkeit gewinnt, die vielen Klassikkonzerten abgeht, die sich in den gesicherten Welten der Innerlichkeit und des Erhabenen genügen.

Die Hinwendung zur Welt gelingt, weil sich Manoury komponierend nie in den Texten verkriecht, sondern ihr Leid konsequent und radikal in seinen Klängen nach außen stülpt. Das kann er, weil er nie seine persönlichen Befindlichkeiten in den Texten sucht, sondern auf der Suche nach menschlichen Grunderfahrungen ist. Manoury komponiert sich nie als ganz besonderes und erlesenes Individuum in den Vordergrund. Er vertont stattdessen schnörkellos, zügig und mit grandiosem Formgefühl grundlegende Erfahrungen, die allen Menschen geläufig sind. Er findet Klänge für Entwurzelung, Vertreibung, Tod, Entsetzen. Das sind die Themen der Totenmesse, einer traditionell überindividuellen Gattung, in der deshalb die großen Komponisten immer zu Lösungen gefunden haben, die sich deutlich von denen in all ihren anderen Werken unterscheiden. Das gilt für Bachs Passionen genauso wie für die Requiem-Vertonungen von Mozart, Verdi, Brahms, Fauré, Henze und Ligeti. Manoury reiht sich auch in diese Tradition ein.

Der Titel "Lab.Oratorium" veweist darauf, dass Manoury mit der gängigen Form des Oratoriums experimentiert. Es gibt hier nicht nur Dirigent, Orchester, Solistinnen und das grandiose SWR-Vokalensemble, sondern auch Schauspieler, Raumbespielung, die Live-Elektronik vom Pariser Avantgardeinstitut IRCAM und einen hundertköpfigen, für dieses Projekt gegründeten "Lab.Chor" mit gesangsbegeisterten Menschen aus Köln. Sie stehen für die Europäer, die diese Woche zur Wahl aufgerufen sind und damit auch darüber abstimmen, wie es mit den Flüchtlingen und dem Sterben im Mittelmeer weitergeht. Manoury lässt diese Europäer sich selbst in die tumultösesten Passagen einmischen. Hier zählt jede Stimme. Und so entwirft er, wie alle großen Komponisten, ein gesellschaftliches Ideal, in dem niemand ausgegrenzt, aber auch keine heile Welt vorgegaukelt wird.