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Klassik:Gut durchpulst

KPA87101 jpg The Hungarian born and english conductor SIR GEORG SOLTI 1912 1997 Portrait 1991; Georg Solti

„Die glücklichste Zeit meines beruflichen Lebens“: Georg Solti war von 1969 bis 1991 Chefdirigent in Chicago. Er hielt das Symphony Orchestra an der Weltspitze.

(Foto: imago)

Dieser Beethoven überrascht: Georg Soltis Aufnahmen mit dem Chicago Symphony Orchestra sind nun auf 108 CDs zu hören. Ein Erlebnis.

Von Helmut Mauró

Die legendäre Aufnahme von Richard Wagners Operntetralogie "Der Ring des Nibelungen" ist natürlich nicht dabei. Denn dort spielen die Wiener Philharmoniker. Dafür sind hier aber auf 108 CDs sämtliche Aufnahmen Georg Soltis mit dem Chicago Symphony Orchestra versammelt, darunter mehrere preisgekrönte. Der ungarisch-britische Dirigent führte das Orchester von 1969 bis 1991. Für Solti waren diese Jahre "die glücklichste Zeit meines beruflichen Lebens", und für das Orchester nach den Chefdirigenten Artur Rodziński, Rafael Kubelik und vor allem Fritz Reiner eine Stabilisierung auf Weltniveau.

Werke von Wagner standen dabei nicht an erster Stelle der Konzertprogramme, aber er ist mit dem "Fliegenden Holländer", den "Meistersingern" sowie drei Ouvertüren und Isoldes Liebestod gut vertreten. Gustav Mahler, Anton Bruckner und Johannes Brahms sind allerdings mit jeweils sämtlichen Symphonien ebenso präsent, an erster Stelle jedoch steht Ludwig van Beethoven. Zwei Aufnahmen der Egmont-Ouvertüre, zwei der dritten Leonoren-Ouvertüre, die Coriolan-Ouvertüre, ein kompletter "Fidelio", sämtliche Klavierkonzerte - mit Vladimir Ashkenazy, die Missa Solemnis und natürlich sämtliche Symphonien, in jeweils zwei Aufnahmen zwischen 1974 und 1990.

Das ist mehr als nur ein Verkaufsgimmick oder Vollständigkeitswahn. Es ermöglicht die interessantesten Vergleiche. Zum Beispiel von Beethovens Fünfter Symphonie, seiner wohl bekanntesten mit den eröffnenden Schicksalsschlägen in Streichern und Klarinetten. 1973 noch mit allem Pomp und Gloria aufgenommen, wenn auch nicht übertrieben plakativ, 16 Jahre später aber dann so fein gestrickt und durchgezeichnet, dass man kaum glauben mag, hier stehe derselbe Dirigent vor demselben oder doch weitgehend gleichen Orchester. Wenn man Solti aus Live-Konzerten durchaus auch als Draufgänger mit Hang zum Brachialen in Erinnerung hat, so wird man hier eines Besseren belehrt.

Was hier erklingt, ist schiere Disziplin, bis in die feinsten Äderchen, und doch weder trocken noch statisch, sondern immer dramatisch gut durchpulst. Man lernt hier zwar keinen anderen Beethoven kennen, aber man kommt ihm näher als üblich. Es fehlen die Ablenkungsmanöver, Solti hört Beethoven ganz unglamourös. Dafür legt er lieber Tiefenschichten frei, die dem Ganzen einen etwas anderen, offenen Charakter geben. Soltis Beethoven ist erstaunlich wenig rechthaberisch. Und das Pathos, das natürlich nötig ist, kommt hier vor allem musikalisch motiviert. Also nicht aufgesetzt heroisch, sondern aus etwas überbordender Fröhlichkeit.

Die Bläser stechen insgesamt weniger hervor, als man dies von einem US-Orchester vermutete, aber sie trumpfen natürlich dort gerne auf, wo dies erwartet wird, wie etwa in der Eingangsfanfare von Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra". Aber - hier hat man das Orchester live oft anders gehört - Solti sorgt dafür, dass auch die kräftige Blechbatterie klanglich im Streicherkontext bleibt und nicht völlig abhebt. Mag sein, dass genialische Tonmeister mitgemischt haben, aber diese Aufnahmen erstaunen doch ein ums andere Mal durch ihre klangliche Ausgewogenheit und musikalisch inspirierte Disziplin. Sicherlich ist Solti als Dirigent nie unterschätzt worden, und doch kann man ihn und das Orchester hier noch mal neu entdecken. Das ist mehr als erwartet.

© SZ vom 02.01.2018

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