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Klassik:Geisterkonzert

Deutsche Grammophon 120th Anniversary Celebration Concert

Daniil Trifonov lernt jetzt Java Script.

(Foto: Yanshan Zhang/Getty Images)

Der Pianist Daniil Trifonov hat New York verlassen und sich in Santo Domingo (Dominikanische Republik) in Klausur begeben. Dort hat er sich selbst aufgenommen, wie er Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" spielt - ganz allein für sich.

Allmählich wird klar, dass es bei den akuten Verhaltensregelungen im Hinblick auf Nähe und Distanz nicht um ein kurzfristiges Notstandsgebot geht, sondern möglicherweise um ein mittel-, vielleicht sogar langfristiges Umdenken, um einen Paradigmenwechsel, den jeder für sich vollziehen muss. Für Künstler, die den Kontakt zum Publikum nicht nur gewohnt sind, sondern den stillen Austausch mit den Menschen dringend brauchen, weil diese unterschwellige Kommunikation Bedingung und Teil ihrer Kunst ist, kann die Isolierung besondere Probleme mit sich bringen. Jeder geht damit anders um, so auch der Pianist Daniil Trifonov in seiner selbst gewählten Klausur.

Letzten Samstag in Südamerika, genauer gesagt, in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, wohin sich der Pianist Daniil Trifonov lange vor den offiziellen Quarantänebestimmungen und dem Ausbruch in New York zurückgezogen hat. Die Bedingungen für einen Pianisten, der auf einen zumindest gut funktionierenden und gestimmten Flügel angewiesen ist, sind hier denkbar schlecht. Solch ein Instrument gibt es hier nicht. Deshalb übe er im Moment auch nicht wirklich, sondern studiere Partituren. Was für ihn, auch als Komponisten, größtenteils dasselbe ist. Um Musik zu hören und sich einzuprägen, genügt ihm die Partitur. Trotzdem würde er manchmal gerne in die Tasten greifen. Aber, sagt er, er sei in den letzten Wochen viel gereist und die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass er das Virus in sich trage und andere anstecken könnte.

Nun sehen wir ihn in einem spärlich möblierten Raum, alles in hellbraun gelblich cremigen Farben, und ganz hinten in der Ecke ein schwarzer Flügel. Sehr nebulös sichtbar durch die Handykamera, die auch den Ton etwas verschwimmen lässt. Allerdings ist der Flügel nicht konzertreif gestimmt, und die Mechanik auch nicht die eines neuen Steinway. An diesem Flügel sitzt Daniil Trifonov, und das weiß man auch nur, weil er zuvor mit Atemmaske erzählt hat, dass er nun hier in der für die Lernenden inzwischen geschlossenen Musikschule spielen werde. Er wirkt besorgt, ist aber aus harter russischer Schule gewohnt, aus allem etwas zu machen, Verpflichtungen zu genügen, seinen Beitrag auch unter widrigen Umständen zu leisten. Also setzt er sich, noch immer mit Maske, die nun ein weißer Punkt in der Ferne ist, an den Flügel und beginnt, Ton für Ton einer einprägsamen Melodie aus den Tasten herauszuholen.

Eine Melodie, die im Fachjargon soggetto heißt oder auch schon Thema, denn es handelt sich um ein Stück der Barockzeit, der späten Hochblüte einer vorbarocken Generalform: des Kontrapunkts, genauer, der Fuge. Und darunter ist es wiederum das zentrale Werk eines in der Musikgeschichte zentralen Komponisten: "Die Kunst der Fuge" von Johann Sebastian Bach. Das ist sicherlich keine willkürliche Wahl, jedenfalls keine zufällige.

Trifonov findet in Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" eine Kunst-Mensch-Offenbarung

So wie sich andere in Zeiten der Unsicherheit und Gefährdung ihren Blick auf Dinge richten, die ihnen in der Krise hilfreich erscheinen, so driftet der Fokus des Musikers unweigerlich aufs Wesentliche, auf ein Werk, das ihn nicht nur oder vielleicht gar nicht in erster Linie emotional berührt, sondern in dem er in maximaler Konzentration die Substanz aller Kunst erkennt. Das Hören solch eines Werkes und das Selber-Spielen ist dann noch einmal eine gewaltige Differenz, aber hier erleben wir noch einmal eine Steigerung dieser beiden Möglichkeiten. Denn Trifonov spielt hier so gar nicht für die erschütterte Welt da draußen, sondern ganz für sich. Er hat sich nicht nur optisch zurückgenommen in dieser sehr unvollkommenen Handy-Fernaufnahme, sondern vermeidet geradezu alles Glamouröse, das diesem Stück bei aller abstrakter Schönheit doch noch anhaften könnte.

Der Künstler spielt für sich, so, wie er das Werk vielleicht in jungen Jahren zum ersten Mal selbst spielend gehört und erlebt hat. Es ist keine Sternstunde im üblichen Sinn, wie man sie in einem besonderen Konzert erleben kann, es ist aber etwas viel Größeres, Eindringlicheres, eine Kunst-Mensch-Offenbarung. Dass das Plattenlabel dieses Video, das im Rahmen eines "World Piano Day" zusammen mit den Darbietungen anderer Pianisten nur zwei Tage lang zur Verfügung hielt und diese Ikone nun in der Versenkung verschwinden ließ, zeigt zweierlei: dass der Sinn für etwas, das weder reine Unterhaltung noch Hochglanz-Kunst im Sinne von kommensurabler Premium-Ästhetik ist, endgültig verloren zu gehen droht.

Und Trifonov? Sieht die Rettung in der Grenzöffnung zu kreativen Bereichen, die man bislang nicht für kunstfähig oder künstlerisch erlebbar hält: "Es sind unsichere Zeiten, und größtenteils geschehen die Dinge, wie sie eben kommen. Es ist nicht die Zeit, Pläne zu schmieden." Er findet es befremdlich, dass die Pandemie "in einigen Ländern" lange Zeit geleugnet wurde und hat eigene Konsequenzen gezogen. Vor allem die, erst mal nicht nach New York zurückzukehren.

Stattdessen findet er in der Südsee Neues, Unerwartetes: "Vor Kurzem habe ich damit begonnen, JavaScript zu lernen. Ich finde es interessant, ein komplett neues Idiom zu erlernen - den Code zu verstehen und in der Weise zu betrachten, wie man sich eine Partitur ansieht: also hören zu können, wie er klingt."

© SZ vom 16.04.2020

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